23. JUNI 2023
Die Mitgliederzahlen steigen, der Platz wird weniger.
Welchen Problemen muss sich die islamische Gemeinschaft IKRE in Bern stellen?
5.7% der Schweizerbevölkerung gehören muslimischen und aus dem Islam hervorgegangenen Gemeinschaften an (Stand 2021). Im Kanton Bern leben 38’548 Personen (Stand 2021), die islamischen Glaubensgemeinschaften angehören und somit 9.5% der Bevölkerung ausmachen. Man nimmt an, dass die Zahlen in Zukunft weiter steigen werden. Trotzdem ist der Islam in der Schweiz nicht öffentlich-rechtlich anerkannt. Die daraus entstehenden Probleme, machen sich bei der islamischen Gemeinschaft IKRE Bern bemerkbar.
Qendrim Ramadani (er/ihm) – Master Sekundarstufe 1, PH Bern
Der Islam in der Schweiz
Viele Muslim*innen die in der Schweiz leben sind als Arbeitsmigrant*innen Ende 1960 in die Schweiz gekommen. Von Jahr zu Jahr sind mehr Muslim*innen eingewandert durch den Krieg, Familiennachzug und Arbeitsmigration. So wie im Christentum gibt es auch im Islam verschiedene Glaubensrichtungen. 80% der Schweizer Muslim*innen sind Sunnit*innen, 7-10% Alevit*innen, 7% Schiit*innen und 3% Andere. Trotz den vielen verschiedenen Glaubensrichtungen versammeln sich viele Muslim*innen in den Moscheen, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen, etwas zu lernen und zusammen zu beten.
Auf Arabisch heisst die Moschee «Masgid» und bedeutet «Ort der Niederwerfung». So ist die Moschee das Gebetshaus der Muslim*innen. Viele Moscheen, vor allem ausserhalb der Schweiz, erkennt man von aussen an ihren schmalen, spitzen und hohen Türmen, die Minaretten genannt werden und einer grossen Kuppel in der Mitte. Dartunter liegt in der Regel immer der grosse Gebetsraum der Moschee. Der Gebetsraum ist meistens mit einem Teppich ausgelegt. In der Schweiz jedoch ist es schwierig Moscheen von aussen zu erkennen. Einerseits liegt es daran, dass Minaretten in der Schweiz verboten sind und andererseits an den hohen Kosten für den Neubau einer Moschee. Zusätzlich erschwert die Gebetsausrichtung nach Mekka (heilige Stadt der Muslim*innen in Saudi-Arabien) das Finden einer geeigneten Ortschaft. Deshalb befinden sich in der Schweiz auch viele Moscheen in Räume von Industriegebieten, in Kellern von Gebäuden oder in Garagen. In der Schweiz gibt es aktuell insgesamt rund 240 Moscheen und Glaubensräume aber nur vier Moscheen mit einem Minarett, die vor dem Verbot gebaut wurden. In vielen Moscheen gibt es ausserdem auch noch einen Gebetsraum für Frauen. Es ist überall üblich, dass es ein Regal für die Schuhe zum Verstauen gibt und einen Waschraum für die Gebetswaschung oder mindestens einen Wasserhahn. Denn erst nach der Gebetswaschung, kann der/die Muslim*in das Gebet vollziehen.
Leben als Muslim*in in der Schweiz
Heutzutage leben die Muslim*innen in der Schweiz den Islam unterschiedlich aus. Die Vielfalt der Auslebung der Religion reicht von traditioneller Praxis bis hin zur Ablehnung jeglicher Beiziehung zum Islam aus. Grundsätzlich sind die Muslim*innen in erster Linie auf der Suche nach Akzeptanz und vertrauen in der Gesellschaft. Seit dem Attentat vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten hat sich die Beziehung zum Islam in der Schweiz verändert. Misstrauen, Angst, Vorurteile, Diskriminierung und Ablehnung ist für die Muslim*innen zur Normalität geworden. Viele Musliminnen mit einem Kopftuch haben es zusätzlich schwerer in der Berufswelt anzukommen, da für viele das Kopftuch ein Hindernis ist. Sie erleben dadurch viel Diskriminierung und Ausgrenzungen. Oft vergessen die Menschen, dass das Kopftuch nichts über die Person und ihre Fähigkeiten aussagt und man jedem offen gegenüberstehen sollte. Durch Socialmedia (Facebook, Instagram usw.) wird oft von den Usern versucht, die reale Auslebung ihrer Religion zu vermitteln. Diese Inszenierung nimmt immer mehr an Bedeutung zu. Das Wissen der neuen Generationen für andere Kulturen und Religionen, stammt oft aus diesen Kanälen. Es bietet sich somit eine Chance, dass die realen Auslebungen der Religion von muslimischen Schweizer*innen ans Licht kommen. Diese Kanäle ermöglichen es aber auch Betrüger*innen Fakenews zu verbreitern, sodass das Ganze auch Kontraproduktiv sein kann. Trotz der vorhandenen Vorurteile versuchen die Muslim*innen in der Schweiz Fuss zu fassen und das Leben wie alle anderen Bürger*innen zu leben.
Die islamische Gemeinschaft IKRE Bern
Dank des aussergewöhnlichen Einsatzes von wenigen Personen, wurde die islamische Gemeinschaft IKRE in Bern im Jahre 2004 gegründet. Durch grosszügige Mitgliederspenden, konnte an der Morgenstrasse 148 im Jahr 2007 eine Räumlichkeit in einem Gewerbehaus gekauft werden. Nebst dem Engagement für die Mitglieder, beteiligt sich die Gemeinschaft IKRE auch am interreligiösen Dialog und ist Mitglied des islamischen Kantonalverbandes Bern (IK-Bern), sowie des Dachverbandes der albanisch-islamischen Gemeinschaften Schweiz (DAIGS).
Da die Mitgliederzahlen von Jahr zu Jahr steigen (wie man der Tabelle entnehmen kann) und der Platz immer knapper wird, ist die islamische Gemeinschaft seit 5 Jahren auf der Suche nach einem neuen Objekt oder nach einer geeigneten Baufläche. Bei der Suche nach einem grösseren Platz für die Gemeinschaft haben sich in den letzten Jahren 3–4 Situationen ergeben, bei denen das Objekt passend gewesen wäre. Sobald jedoch die Verkäufer über den Nutzen als Moschee informiert wurden, verschwand das Interesse an die Gemeinschaft zu verkaufen. Es wurde kein triftiger Grund für die Absagen genannt. Die Gemeinschaft spürt, dass viele noch ein Problem mit dem Islam haben und mit Vorurteilen handeln. Der letzte Versuch einen neuen Ort für die Gemeinschaft zu finden war in Niederwangen. Es stand eine große Baufläche zur Verfügung. Bei der Baufläche hätte man ein 4-stöckiges Gebäude bauen können. Das hat den Ansprüchen der zukünftigen Moschee entsprochen, da sie somit auch Fachräume, Frauenräume, Sporträume und Aufenthaltsräume hätten bauen können. Der Verkäufer riet der Gemeinschaft den Bau vorgängig mit der Gemeinde Köniz abzuklären. Die Gemeinde Köniz hat den Bau enttäuschender Weise nicht bewilligt, da der Ort gemäss der Gemeinde nicht für eine Moschee geeignet wäre. Was das genau bedeutet, wurde der Gemeinschaft nicht erklärt. Immerhin ist die Gemeinschaft mit mehreren Immobilienfirmen in Kontakt, so dass das Finden eines geeigneten Objektes schneller vonstattengeht.

Abbildung 1: Entwicklung der Mitgliederzahlen (Tabelle: Armin Braimi (Präsident)
Die Gemeinschaft besteht seit 19 Jahren und in all diesen Jahren haben Sie keine Unterstützung vom Staat erhalten. Alles liegt auf den Lasten der Gemeinschaft und der Mitglieder. Da die Mitglieder gewillt sind finanziell zu helfen und man die aktuelle Räumlichkeit als Kapitalanlage nutzen kann, stehen der Gemeinschaft genug finanzielle Mittel zur Verfügung. Leider kommen sie jedoch aufgrund der beschriebenen Probleme trotz den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln nicht so einfach zu einem neuen geeigneten Objekt.
Schwierigkeiten, die bei einem Moscheebau in Grenchen entstanden sind
Auch die Geschichte des Vereins Albanisch-Islamische Glaubensgemeinschaft (AIG) beginnt in einem Keller. Die Mitglieder der Gemeinschaft hatten seit der Gründung im Jahr 2003 ihre Moschee in einem Keller unter einem Industriegebäude. Im Jahr 2008 hat man sich dann auf die Suche nach einem geeignetem Grundstück für den Bau einer Moschee begeben. Gründe dafür waren auch bei dieser Gemeinschaft die Platznot, sowie auch die Infrastruktur, die den Ansprüchen des Gebets nicht zurechtkam. Im Jahr 2009 wurde ein passendes Grundstück gefunden und gekauft. Die bis dahin gesammelten Gelder (Spenden der Mitglieder) haben für den Kauf des Grundstückes gereicht. Die Baubewilligung wurde 2011 nach der Einhaltung aller Vorschriften des Baugesuchs erteilt. Die Gemeinschaft hatte jedoch Probleme, die Finanzierung des Projektes nachzuweisen. Viele Banken wollten keine Finanzierung bereitstellen und die Spendengelder reichten nicht aus. 2013 lief somit die Baubewilligung aus. In einem nächsten Versuch schaffte es die Gemeinschaft ihre Mitglieder zu mobilisieren und den Bau der Moschee im Jahr 2016 zu starten.
Nebst fünf Einsprachen, Kontroversen und Falschaussagen von Politiker*innen der Stadt, hatte die Gemeinschaft auch Probleme mit tätlichen islamfeindlichen Bürger*innen. Es wurden Schweineköpfe auf dem Bauland verteilt und vergraben. Schweineblut wurde über die Baufläche gestreut. Der Rohbau wurde durch islamophobische Graffitis beschmiert. Trotz all dieser Unannehmlichkeiten konnte die Moschee unter anderem dank der tatkräftigen Mitarbeit der Mitglieder, im Jahr 2019 mit rund tausend eingeladenen und zweieinhalbtausend weiteren Gästen eröffnet werden.

Abbildung 2: Moschee Ebu Hanife in Grenchen (Foto: Qendrim Ramadani)
Schlussfolgerung
Ich komme zum Schluss, dass es islamische Gemeinschaften schwierig in der Schweiz haben bestehen zu bleiben oder zu expandieren. Einerseits fehlt die Hilfe des Staates und anderseits bereiten ihnen die Vorurteile gegenüber dem Islam Schwierigkeiten. Die islamischen Gemeinschaften sind sozusagen auf sich allein gestellt und können nur dank der Hilfe von Mitgliedern bestehen bleiben. Es braucht also eine Menge Glück und das Vertrauen der Mitbürger*innen, um eine Moschee in der Schweiz zu bauen oder ein geeignetes Objekt umzufunktionieren.
Zur Vertiefung
Bundesamt für Statistik: Religionen
Literatur
Nathalie Gasser (2020): Islam, Gender, Intersektionalität, Bildungswege junger Frauen in der Schweiz. Bielefeld: Transcript Verlag.
Matteo Gianni (2010): Muslime in der Schweiz. 2. Auflage. Bern: BBL Verlag