27. NOVEMBER 2025
Ein bewaffneter Mann neben der Synagoge
Wieso ist das notwendig?
Gianluca Marty
Zwischen Gebet und Gewehr: Der erste Eindruck
Die Synagoge sollte eigentlich ein Ort der Ruhe und des Gebets sein. Ein Raum, in dem Spiritualität und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen. Doch als ich das Gemeindehaus, das zur Synagoge in Bern führt, betrat, fiel mein Blick sofort auf einen bewaffneten Mann, der unübersehbar in einem der Eingangsbereiche stand. Dieses Bild eines bewaffneten Sicherheitsmannes war für mich überraschend und warf bei mir Fragen auf: Warum braucht ein Ort des Glaubens heute bewaffneten Schutz? Und welche Bedeutung hat dies für das jüdische Leben in Bern?
Die Präsenz dieser Person war für mich gleichzeitig beruhigend und irritierend. Einerseits vermittelt sie Sicherheit, andererseits steht sie sinnbildlich für eine Realität, die ich in einem spirituellen Raum nicht erwartet hätte. Dieser Widerspruch blieb für mich der rote Faden meines Besuchs und warf die Frage nach dem Verhältnis von Religion, Sicherheit und gesellschaftlicher Wirklichkeit auf. Ist eine Waffe die Antwort auf reale Bedrohungen auf antisemitische Gewalt, die auch in der Schweiz nicht vor jüdischen Einrichtungen haltmacht. In diesem Blog möchte ich auf das jüdische Leben in Bern und in der Schweiz eingehen. Dabei möchte ich die Historie des Judentums in der Schweiz nicht vergessen und so meine Frage, wieso es in einer Synagoge einen bewaffneten Mann braucht, vielleicht etwas besser beantworten können.

Abbildung 1: Synagoge von Bern
Hintergrund: Jüdisches Leben in Bern und in der Schweiz
Als ich vor der Synagoge in Bern stand, wurde mir bewusst, dass dies nicht nur ein religiöser Ort ist – er erzählt auch Geschichte. Und zwar eine, die nicht immer einfach war.
Was ich heute als selbstverständlichen Teil des Stadtbildes wahrnehme (ein schönes, gut sichtbares jüdisches Gotteshaus), war über Jahrhunderte hinweg undenkbar. Schon im Mittelalter lebten Jüdinnen und Juden in Bern, doch 1349, zur Zeit der Pestpogrome, wurden sie gewaltsam aus der Stadt vertrieben. Danach blieb das jüdische Leben dort für lange Zeit ausgelöscht. Erst viele Jahrhunderte später, genauer gesagt im 19. Jahrhundert, durften sich jüdische Menschen wieder dauerhaft in Bern niederlassen. Und selbst das war kein einfacher Weg. Die volle rechtliche Gleichstellung bekamen sie erst 1866, durch eine Volksabstimmung. Das erscheint spät und ist es auch, gerade im Vergleich zu anderen Ländern Europas.
Nach dieser späten Anerkennung begann sich langsam ein jüdisches Gemeindeleben zu entwickeln. 1893 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Bern (IKG) gegründet, die bis heute existiert. Rund 300 Menschen gehören ihr aktuell an. Ich habe gelesen, dass die Gemeinde religiös pluralistisch ausgerichtet ist, das bedeutet, sie vereint unterschiedliche Strömungen des Judentums. Das hat mich beeindruckt, weil es zeigt, wie vielfältig und offen jüdisches Leben heute sein kann. Die Synagoge an der Kapellenstrasse ist also nicht nur ein religiöser Ort. Nein, sie steht für Identität, für Bildung, für Gemeinschaft. Und ja, auch für Sichtbarkeit.
Und genau diese Sichtbarkeit ist heute keine Selbstverständlichkeit. Antisemitismus ist nicht nur ein Begriff aus Geschichtsbüchern, sondern ein reales Problem. Ich habe mich gefragt: Wie frei kann man heute seinen Glauben leben, wenn man dabei ständig auch an Sicherheit denken muss? Der Wunsch, offen jüdisch zu leben, trifft immer noch auf gesellschaftliche Vorurteile und Anfeindungen. Umso wichtiger scheint es mir, dass Orte wie die Synagoge in Bern nicht versteckt, sondern sichtbar, präsent und geschützt sind.
Antisemitismus und Sicherheitslage heute
Als ich den bewaffneten Sicherheitsmann neben der Synagoge sah, fühlte ich mich im ersten Moment etwas unbehaglich. Es war ein Gefühl zwischen Irritation und Verständnis. Ich dachte: Wie kann ein Ort des Glaubens so stark bewacht sein und warum muss das überhaupt sein?
Doch je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass diese Präsenz keine Übertreibung ist. Sie ist eine Reaktion auf eine bedrückende Realität. In den letzten Jahren haben antisemitische Vorfälle in der Schweiz (wie auch in vielen anderen europäischen Ländern) wieder zugenommen. Laut dem Antisemitismusbericht 2023 der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) ist die Zahl der gemeldeten Vorfälle im Jahr 2022 erneut gestiegen. Und dabei geht es längst nicht nur um Beleidigungen im Internet. Die Spannbreite reicht von antisemitischen Parolen auf Schulhöfen über Schmierereien an jüdischen Einrichtungen bis hin zu konkreten Bedrohungen und Übergriffen. Die Sicherheit jüdischer Menschen in der Schweiz ist also kein abstraktes Thema, sie ist ein sehr reales Anliegen.
Religiöse Einrichtungen wie Synagogen stehen dabei besonders im Fokus. Dass gerade diese Orte, die eigentlich Schutz, Gemeinschaft und Ruhe bieten sollten, verstärkt geschützt werden müssen, ist tragisch, aber notwendig. Auch die IKG Bern hat darauf reagiert: mit Kameras, Eingangskontrollen und ja – mit bewaffnetem Personal. Nicht aus Machtgehabe, sondern zum Schutz ihrer Mitglieder, ihrer Kinder, ihrer älteren Menschen. Damit jüdisches Leben nicht im Verborgenen bleiben muss, sondern sichtbar und sicher stattfinden kann.
Für mich war dies ein wichtiger Lernmoment: Der bewaffnete Mann neben der Synagoge steht nicht im Widerspruch zum Glauben, sondern vielleicht sogar in dessen Dienst. Denn ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit keine gelebte Religion. Trotzdem bleibt da ein Gefühl des Unbehagens. Wie kann sich Spiritualität entfalten, wenn sie sich ständig verteidigen muss? Wie lebt man eine offene, einladende Religionsgemeinschaft, wenn draussen eine potenzielle Bedrohung wartet? Genau diese Spannung zwischen der Sehnsucht nach Vertrauen und der Realität von Angst spiegelt sich in der Atmosphäre der Synagoge wider und genau diese Spannung habe ich in meinem Besuch intensiv gespürt.
Religion und Sicherheit – ein Widerspruch
Die Präsenz bewaffneter Sicherheitskräfte in einer Synagoge wirft bei mir eine tiefgreifende Frage auf: Wie lassen sich Spiritualität und Schutzmassnahmen miteinander vereinbaren? Sollte man nicht gerade in Orten des Glaubens, die andauernden Konflikte und Kriege der Welt hinter sich lassen können?
Auf den ersten Blick scheint der Schutz durch Waffen und Sicherheitsdienste ein Gegensatz zum friedlichen und kontemplativen Charakter eines Gebetsraumes zu sein. Doch gerade dieser vermeintliche Widerspruch zeigt die Realität jüdischen Lebens in Bern und anderen europäischen Städten.
Religion lebt von Offenheit, Gemeinschaft und dem Glauben an das Gute. Werte, die ich auch im spirituellen Raum einer Synagoge gespürt habe. Gleichzeitig sind diese Orte jedoch auch verletzlich gegenüber Gewalt. Der bewaffnete Sicherheitsmann ist daher kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Besuchern, sondern wohl eher eine notwendige Reaktion auf eine bedrohliche gesellschaftliche Realität. Er steht symbolisch für den Schutz der jüdischen Gemeinschaft und ihrer Freiheit, ihren Glauben öffentlich zu leben.
Gleichzeitig ist es gar nicht so einfach, einen Ort zu schaffen, in dem man in Ruhe beten und Gemeinschaft erleben kann – trotz all der Sicherheitsmassnahmen. Denn wie schafft man eine Atmosphäre, die offen und einladend ist, wenn nebenan jemand mit einer Waffe steht?
Dieser Gegensatz zeigt, wie schwierig die Situation für jüdisches Leben heute ist. Es geht nicht nur um Religion, sondern auch darum, sich sicher zu fühlen. In einer Gesellschaft, die oft nicht versteht, warum dieser Schutz überhaupt nötig ist. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir als Gesellschaft hinschauen, zuhören und verstehen lernen.
Wenn Freiheit verletzlich ist: Mein Fazit zum bewaffneten Schutz in der Syngagoge
Der Anblick eines bewaffneten Mannes direkt neben einem Raum, der zum Beten und zur Ruhe da ist, hat mich bewegt. Es hat mir gezeigt, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft manchmal ist. Mein Besuch in der Synagoge in Bern hat mir klar vor Augen geführt, dass religiöse Minderheiten auch heute noch verletzlich sind. Trotz vieler Jahre der Integration, trotz gesetzlicher Rechte und Anerkennung gibt es immer noch eine Realität, in der jüdisches Leben zwischen Identität und Bedrohung steht. Die Sicherheitsmassnahmen machen eine traurige Wahrheit sichtbar. Religionsfreiheit ist zwar in Gesetzen verankert, doch im Alltag bleibt sie für viele Menschen fragil und gefährdet.
Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen in jeder Synagoge, Moschee, Kirche oder jedem Tempel ohne Angst zusammenkommen können. Eine Welt, in der es egal ist, woran man glaubt oder ob man überhaupt glaubt. Eine Welt, in der Verschiedenheit als Stärke gesehen wird, nicht als Gefahr. Leider scheint all das heute weiter entfernt zu sein als je zuvor. Dass bewaffneter Schutz nötig ist, damit Glaube überhaupt gelebt werden kann, ist bedrückend. Es erschüttert das Vertrauen in ein friedliches Zusammenleben und zeigt, wie zerbrechlich Freiheit wirklich ist. Diese Erkenntnis tut weh, aber sie ist wichtig. Sie zeigt, wie viel noch zu tun bleibt, nicht nur beim Schutz, sondern vor allem im Gespräch und im gemeinsamen Einsatz für eine offene, respektvolle Gesellschaft.
Quellen und Literatur zur Vertiefung
Erlanger, R. (2006). Jüdisches Leben in der Schweiz – Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Zürich: Chronos Verlag.
Israelische Kultusgemeinde Bern (IKG). (2024). Über uns. Abgerufen am 22. Juni 2025 von: https://www.ikg-bern.ch
Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG). (2024). Über uns – Wer wir sind und wofür wir stehen. Abgerufen am 22. Juni 2025 von: https://swissjews.ch/de/
Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA). (2023). Antisemitismusbericht 2023. Abgerufen am 22. Juni 2025 von https://www.gra.ch
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Synagoge von Bern Quelle: © Roland Zumbühl / Picswiss.ch, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, abgerufen am 24. Juni.2025