13. NOVEMBER 2025
Keine Dusche für Shiva?
Wie eine Schweizer Bauvorschrift den Berner Hindus fast einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte
Minna Schwyter
Bachelor Interreligiöse Studien, 2. Semester
Begegnung am Europaplatz
Bereits aus dem Tram sticht mir die farbige Szenerie auf dem Dach des „Haus der Religionen“ ins Auge. Die bunt angemalten Figuren weisen mir den Weg zum nächsten Halt auf unserer interreligiösen Reise durch Bern. Im Rahmen der Veranstaltung „Religionen in Bern“ der Theologischen Fakultät der Universität Bern besuchen wir heute den Shiva-Tempel „Arulgnanamigu Gnanalingesurar Tempel“ am Europaplatz, der von Ehrenamtlichen aus dem Verein Saivanerikoodam betrieben wird.
Für unsere Führung an diesem Tag ist Sivakeerthy Thillaiambalam zuständig. Er bittet uns zunächst unsere Schuhe auszuziehen und sie im dafür vorgesehenen Regal am Eingang des Tempels zu deponieren. Danach zeigt er auf ein Schild mit Piktogrammen, welches die grundlegenden Verhaltensregeln für den Tempelbesuch festhält. Bis auf die ausgezogenen Schuhe gibt es keinen Dresscode. Zentral ist, dass niemand den Tempel mit Fleisch oder Alkohol betritt.

Abbildung 1: Berner Interpretation eines Tortums (Quelle: Eigene Aufnahmen)
Nachdem wir alle Regeln besprochen haben, dürfen wir in den Tempel eintreten. Dabei entpuppt sich die Dachkonstruktion, die ich bei meiner Ankunft bereits von Weitem entdeckt hatte, als eine vom Tempelboden aufragende Struktur, die sich bis in den Himmel erhebt. Bei meinen Recherchen für diesen Beitrag konnte ich herausfinden, dass es sich dabei um eine symbolische, architektonische Interpretation eines Torturms (tam. kōpuram) handelt. Obwohl das Bauwerk im Berner Shiva-Tempel an kōpuram aus Südindien und Sri Lanka erinnert, ist es kein tatsächlicher Torturm im traditionellen Sinne. Im Normalfall sollte ein solcher Turm direkt am Rande oder am Eingang zum Tempel stehen. Beim Tempel im „Haus der Religionen“ konnte diese Anforderung jedoch nicht umgesetzt werden, da er in das Gebäude am Europaplatz 1B inkorporiert wurde.
„Doing Temple“ in der Diaspora
Faktisch gelang es in der Schweiz bisher erst einmal, einen echten kōpuram zu errichten. In Trimbach SO konnten Initiant:innen ein Grundstück in der Nähe eines fliessenden Gewässers erwerben. Dadurch war es möglich, einen Tempel von Grund auf zu bauen und dabei die religiösen Vorgaben einzuhalten (für mehr Informationen siehe Baumann/Tunger-Zanetti, 2014).
Alle anderen der rund 25 Hindutempel in der Schweiz wurden hingegen in bereits bestehenden Räumen und Gebäuden eingerichtet. Rafaela Eulberg bezeichnet dies in ihrer Publikation „Neue Orte für die Götter. Zu Lokalisierungsdynamiken von tamilischer Hindu-Praxis in der Schweiz“ als „doing temple“ (Eulberg, 2022, 245) – ein Umstand, mit dem sich nicht nur hinduistische Religionsgemeinschaften in der Schweiz arrangieren müssen. Sie beschreibt, wie tamilische Akteure, Gebäude, die zuvor meist als Lager- oder Fabrikhallen dienten, in Tempel umgewandelt haben.
Dass es in der Schweiz bisher nur einmal gelungen ist, einen Hindu-Tempel nach religiösen Vorgaben zu errichten, hat mehrere Gründe. Als in den 1980er Jahren die ersten Tamil:innen auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz kamen, mussten sie sich zunächst in Gruppen zusammenfinden, bevor überhaupt irgendein Projekt initiiert werden konnte. Doch der Aufbau eigener Institutionalisierungsformen war nur ein erster Schritt. Der Erwerb von Tempelräumen und die Planung von Tempelbauprojekten setzten voraus, dass die Migrant:innengruppen in der Gesellschaft etabliert waren und sich ihre ökonomische Situation stabilisierte (vgl. Eulberg, 2022, 225–240).
Dieses Ziel zu erreichen, war allerdings alles andere als einfach. Die Gruppen, deren religiöse Praxis – wie bei vielen privatrechtlich organisierten Religionsgemeinschaften in der Schweiz – über Vereinsstrukturen organisiert wurde, verfügten aufgrund ihres Migrationshintergrunds in der Regel nicht über ein hohes Einkommen. Gleichzeitig war jedoch die Realisation ihrer Projekte entscheidend von Spenden aus der Gemeinschaft abhängig.
Hinzu kam, dass die Inkorporationsbedingungen im Residenzland – also die Vielzahl gesetzlicher und baulicher Vorgaben – nicht auf neuartige religiöse Ausdrucksformen wie den Hinduismus ausgelegt sind. Dies gilt umso mehr, als Hindus in der Schweiz erst in den letzten Jahrzehnten in grösserer Zahl und mit öffentlicher Sichtbarkeit präsent wurden (vgl. Eulberg, 2022, 153). Aus diesem Grund mussten für „bisher unbekannte Formen religiöser Praktiken, wie sie tamilische Migrierende in die Schweiz mitbrachten“, zunächst einmal Vorgehensweisen gefunden werden. (Eulberg, 2022, 156).
Wenn Götter Kompromissse machen müssen
Bei unserer Führung mit Sivakeerthy Thillaiambalam wird klar, dass dieser Umstand auch den Bau des Shiva-Tempels in Bern beeinflusste. Als wir den Tempel im Uhrzeigersinn umrunden – einer Tradition folgend, bei der das zentrale Heiligtum stets zur als rein geltenden rechten Seite bleibt – erzählt er eine eindrückliche Anekdote: Im Hinduismus sei es üblich, die Götter durch symbolische Waschungen (Abishekam) zu ehren. Daher hatten sie geplant, in jedem der Tempelschreine eine Dusche zu installieren – insgesamt 16 Duschen. Diese hätten jedoch als „erste Installation von Sanitäranlagen“ gegolten, wofür in der Stadt Bern eine hohe Steuer fällig werde. Nach intensiven Gesprächen mit den Behörden, hätten sie eine pragmatische Lösung gefunden: Sie mussten alle Duschen wieder abmontieren und sie durch einfache Lavabos mit Wasserhahn ersetzen. So hätten sie die finanzielle Belastung durch die Steuer reduzieren können.


Abbildung 2 und 3: Installierte Wasserhähne für die Abishekam (Quelle: Eigene Aufnahmen)
Nach unserem Besuch kontaktiere ich Sivakeerthy Thillaiambalam erneut. Ich möchte von ihm wissen, ob es beim Bau des Tempels noch weitere Beispiele für Kompromisse gab, die der Verein eingehen musste. Und tatsächlich, die Duschen waren nicht der einzige Punkt, bei dem Flexibilität in Bezug auf die religiöse Praxis der Berner Hindus gefragt war. Sivakeerthy Thillaiambalam antwortet:
„Ein weiteres Beispiel für kulturelle Unterschiede betrifft die Position der Sanitäranlagen. Im traditionellen Tempelbau etwa in Indien oder Sri Lanka werden WC und Duschräume aus religiösen Gründen weit entfernt vom Hauptgebäude errichtet. In der Schweiz war dies aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht realisierbar.“
Und: „Ein Tempel soll laut hinduistischer Vorstellung nicht überbaut sein und auch keinen Keller besitzen. Der Tempel soll in direkter Verbindung mit der Erde stehen, symbolisch als Verbindung zwischen dem Göttlichen und der natürlichen Welt. Leider war auch das in unserem Fall nicht vollständig umsetzbar: Unter unserem Tempel befinden sich ein Parkhaus und einige Geschäftslokale. Um trotzdem die rituelle Verbindung zur Erde herzustellen, haben wir eine spezielle Säule konzipiert, die vom Tempelinneren direkt bis zum Erdboden reicht. Diese Lösung wurde von unseren spirituellen Beratern als symbolisch gültig anerkannt.“


Abbildungen 4 und 5: Abflüsse für das verwendete Wasser (Quelle: Eigene Aufnahme)
Weitere Kompromisse hätten die beim Tempelbau verwendeten Materialien betroffen. Diese seien aus Kostengründen überwiegend aus dem Bauhaus in Niederwangen bezogen worden. Zudem habe beispielsweise Granit nur in begrenztem Umfang eingesetzt werden können, da sonst das vom Bauhalter vorgegebene Maximalgewicht überschritten worden wäre.
Anker der Gemeinschaft
Trotz all diesen Anpassungen war es eine aussergewöhnliche Möglichkeit, dass der Tempel in dieser Form im „Haus der Religionen“ errichtet werden konnte. Schliesslich ist ein Tempel nicht nur ein Ort zur Verehrung hinduistischer Götter, sondern auch ein sozialer Treffpunkt und somit Ankerpunkt im Leben vieler Tamil:innen in der Diaspora. Er ist ein lebendiger Ausdruck des Zusammenhalts innerhalb von Migrant:innengruppen, der für die Etablierung von Gebetshäusern im Residenzland unabdingbar ist. Das Beispiel des Shiva-Tempels in Bern zeigt: Der Spagat zwischen der Bewahrung der Tradition und der Integration in eine westliche Gesellschaft kann mit viel Geduld, Dialog und Kreativität gelingen.

Abbildung 6: Leitsatz des Tempels (Quelle: Eigene Aufnahme)
Zur Vertiefung
https://haus-der-religionen.ch/hindus/
https://referenceworks.brill.com/display/entries/ENHI/COM-000379.xml
Literatur
Baumann, Martin/Tunger-Zanetti, Andreas: 2014. Der Hindutempel in Trimbach. Von der Idee bis zur Einweihung, Luzern.
Eulberg, Rafaela: 2022. Neue Orte für die Götter. Zu Lokalisierungsdynamiken von tamilischer Hindu-Praxis in der Schweiz, Zürich.