6. NOVEMBER 2025
Bern glaubt vielfältig
Eine Stadtexkursion durch Geschichte und Gegenwart
der religiösen Vielfalt in Bern
Wer durch die Gassen der Berner Altstadt spaziert, begegnet auf Schritt und Tritt kirchlicher Präsenz. Das imposante Berner Münster, die Nydeggkirche, die Heiliggeistkirche oder die Französische Kirche sind allesamt bedeutende christliche Gotteshäuser, die von der tiefen Verwurzelung der christlichen Tradition Berns zeugen. Damit zeigt das Stadtbild die noch heute dominierende reformierte Identität, zugleich wird mit der neben dem Rathaus stehenden christkatholischen Kirche St. Peter & Paul und der römisch-katholischen Dreifaltigkeitskirche bei der kleinen Schanze aber auch klar, dass das Stadtbild seit langem von unterschiedlichen christlichen Konfessionen geprägt worden ist. Bei einem Blick über die Altstadt hinaus, etwa in Richtung Europaplatz, Bümpliz oder in den Breitenrain, wird die gesamte religiöse Vielfalt Berns deutlich. Auch wenn Bern keine religiöse Metropole wie Jerusalem oder Varanasi ist, erzählt die Stadt eine spannende Geschichte kontinuierlicher religiöser Transformation, beginnend mit der Reformation, über die Rückkehr katholischer und jüdischer Gemeinschaften bis zur heutigen pluralistischen Religionslandschaft. Religion ist in Bern sichtbar, aber nicht immer dort, wo man sie erwarten würde.
In diesem Blogbeitrag werden Sie auf eine Stadtexkursion eingeladen und anhand ausgewählter religiöser Orte wird gezeigt, wie sich die religiöse Vielfalt in Bern historisch entwickelt hat und wie sie sich heute präsentiert.


Kevin Schmutz
Master of Arts PHBern in Secondary Education
Unsere Exkursion beginnt in Berns Westen im multikulturellen Quartier Bümpliz, in welchem an der Mädergutstrasse zwischen einer Garage und einem Wohnblock die Moschee der Islamischen Gemeinschaft IKRE Bern zu finden ist. Die Moschee ist auf den ersten Blick unauffällig, gar versteckt, und dennoch stellt sie einen wichtigen Ort für muslimisches Leben in Bern dar. Seit gut 20 Jahren befindet sie sich in diesem Gebäude in Bümpliz. Die Gemeinschaft wächst, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass kürzlich zusätzliche Nutzfläche gekauft und die Moschee somit erweitert werden konnte.
Dass die Moschee in Bümpliz kein Prunkbau mit Minarett ist, erzählt auch von einer gesellschaftlichen Realität, welcher die Islamische Gemeinde gegenübersteht: Es bestehen in der Schweizer Gesellschaft nach wie vor Vorurteile und Misstrauen gegenüber dem Islam, wie das Minarettverbot 2009 oder das Verhüllungsverbot («Burkaverbot») 2021 zeigen. Diese Einschränkungen markieren Grenzen der religiösen Sichtbarkeit und Akzeptanz in der Schweiz und in Bern. Gleichzeitig engagiert sich das IKRE Bern aktiv im interkulturellen Dialog und versucht, Missverständnisse, Ängste und Vorurteile abzubauen.
Etwa sieben Velominuten von der Moschee entfernt befindet sich die nächste Station unserer Exkursion. Seit 2014 teilen sich im Haus der Religionen acht Religionsgemeinschaften ein Gebäude. Jede hat ihren eigenen Raum, allesamt sind sie aber unter einem Dach vereint.
Das Konzept dieses einzigartigen Orts interreligiösen Zusammenlebens zeichnet sich durch räumliche Nähe und alltäglichen Begegnungen aus. Beim Besuch im hinduistischen Tempel und in Gesprächen wird deutlich, wie wichtig dieser Raum für die Gläubigen ist, und auch mit etwas Stolz wird davon erzählt, wie der Tempel durch Spenden finanziert und erbaut werden konnte. Mit dem Haus der Religionen wurde den hinduistischen Gläubigen und den weiteren Religionen ein dauerhafter, sichtbarer und prominenter Ort geschaffen, an welchem ihre Kultur gelebt und gezeigt werden kann.

Abb. 3: Shiva-Tempel, Haus der Religionen. Quelle: eigene Aufnahme
Nur weitere neun Velominuten entfernt befindet sich das nächste Ziel unserer Exkursion. Wer die Sulgeneckstrasse von der kleinen Schanze aus herunter fährt, ahnt zunächst nicht, dass sich auf der rechten Seite, praktisch neben der amerikanischen Botschaft, ein spezielles Gebäude befindet: Die 1906 erbaute Synagoge Bern. Das ockerfarbene Gebäude mit seinen filigranen Fensterbögen ist bis heute das spirituelle und kulturelle Zentrum der Jüdischen Gemeinde Bern.
Nach Einführung der Glaubens- und Gewissensfreiheit begann in der Stadt Bern Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Phase jüdischen Lebens. Mit dem Bau der Synagoge wurde nicht nur architektonisch, sondern auch politisch ein Zeichen für jüdische Sichtbarkeit und Integration gesetzt. Dies geschah in einer sich liberal verstehenden Gesellschaft, welche jedoch nicht frei von Antisemitismus war, woran der sich unweit von der Synagoge befindende Stolperstein für Arthur Bloch erinnert. Bloch wurde 1942 aus antisemitischen Gründen von Schweizer Nationalsozialisten ermordet. Der Stolperstein erinnert und mahnt uns noch heute daran, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft leider noch immer existiert. Auch am Eingang zur Synagoge, welcher aus einer Schleuse besteht, wird deutlich, dass die Jüdische Gemeinde Bern auch heute noch um ihre Sicherheit besorgt ist. Gleichzeitig präsentiert sich die Gemeinde auch offen und Besucherinnen und Besucher oder auch Schulklassen können sich durch die Synagoge führen lassen und sich mit dem Judentum auseinandersetzen. Dabei wird auch die Vielfalt innerhalb der Einheitsgemeinde deutlich, in welcher orthodoxe, liberale und säkulare Mitgliederinnen und Mitglieder aufeinandertreffen. Ein Mikrokosmos innerhalb der Stadt Bern, in welchem sich jüdisches Leben in seiner ganzen Breite entfaltet.

Abb. 4: Synagoge Bern. Quelle: jgb.ch/synagogenführungen
Von der Synagoge führt uns unsere Exkursion via Bern Bahnhof und der Heiliggeistkirche ins Breitenrainquartier, wo wir unweit des Rosengartens vor einer mit Fahnen dekorierten Doppelgarage halten. Die von aussen unscheinbar wirkende Garage ist das Zentrum für Buddhismus Bern. Beim Betreten der Garage erfasst einen eine Atmosphäre, die spürbar anders ist: Sitzkissen sind im Raum verteilt, ein goldener Buddha blickt milde in den Raum und eine gewisse Stille und Ruhe umgibt den Raum.
Buddhistische Werte wie Achtsamkeit ziehen in Bern viele Menschen an, die nicht in einer buddhistischen Tradition aufgewachsen sind, sondern sich aktiv auf der Suche nach innerer Ruhe und Orientierung befinden oder bewusst einen spirituellen Gegenentwurf zum westlichen Leistungsdenken suchen.
Der Buddhismus steht exemplarisch für eine neue Art religiöser Praxis, welche sich an individuellen Lebensfragen orientiert. Auch wenn die traditionellen christlichen Religionen in Bern und in der Schweiz an Einfluss verlieren und von schwindenden Mitgliederzahlen betroffen sind, ist in der Gesellschaft noch immer (oder vielleicht sogar mehr denn je) spirituelles Verlangen vorhanden. Davon profitiert auch das Zentrum für Buddhismus, verbindet es doch Spiritualität und Alltagstauglichkeit ohne Druck, aber mit Tiefe.
Berns religiöse Geschichte ist eng mit der Reformation verbunden. 1528 wurde die Reformation eingeführt, der Katholizismus verdrängt und das religiöse Leben über Jahrhunderte von der reformierten Kirche geprägt. Andere christliche Konfessionen oder nicht-christliche Religionen fanden im öffentlichen Raum lange keinen Platz. Nach dem Wiener Kongress 1815 verpflichtete sich Bern zur Gleichbehandlung der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Konfession. Die Kirche St. Peter & Paul und die Dreifaltigkeitskirche sind noch heute sichtbare Bauten und zeugen von dieser Entwicklung. Ebenfalls im 19. Jahrhundert wurde die jüdische Präsenz in Bern wieder sichtbarer, was 1906 zur Einweihung der Synagoge an der Kappellenstrasse führte.
Das 20. Jahrhundert und insbesondere die Nachkriegszeit brachten einen weiteren tiefgreifenden Wandel mit sich. Insbesondere die Arbeitsmigration brachte neue Glaubensgemeinschaften nach Bern und muslimische, buddhistische oder hinduistische Gemeinschaften entstanden. Die religiöse Vielfalt, welche wir heute in Bern erleben können, ist das Ergebnis dieses vielschichtigen Wandels.
Fazit: Was wir von Bern lernen können
Unsere Exkursion durch Bern zeigt: Religion ist lebendig, sichtbar und in stetigem Wandel. Die religiöse Vielfalt in Bern ist Teil eines breiteren gesellschaftlichen Wandels, der sich in der ganzen Schweiz beobachten lässt. Religionen sind keine starren Systeme, sondern dynamische Symbolsysteme, welche Menschen helfen, grundlegende Sinn- und Lebensfragen zu verarbeiten. Religiöse Vielfalt lässt sich auf kultureller, sozialer und individueller Ebene beschreiben. Diese Ebenen spiegeln sich auch in Berns Stadtbild wider. Kulturell unterscheiden sich Religionen in ihren Symbolen, Lehren und Riten; sozial in Form von Gruppengrösse, Herkunft, Dauer der Präsenz oder Geschlechterrollen. Viele Menschen gestalten heute ihren Glauben selbst. Dies kann sich in Form von persönlicher Spiritualität, Mehrfachzugehörigkeit oder bewusster Distanzierung von Religion äussern.
Auch wenn Kirchen Berns Stadtbild weiterhin prägen und insbesondere das Münster als Wahrzeichen der Stadt fungiert, spielt sich gelebte Religiosität heute oftmals auch in Moscheen, Tempeln oder Meditationsräumen ab.
Die religiöse Vielfalt Berns ist ein Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten rund 500 Jahre – von Exklusion hin zu Inklusion, von religiösem Monopol zu pluraler Koexistenz und zunehmender Individualisierung. Bern zeigt auch, dass Dialog nicht im Lehrbuch beginnt, sondern auf Augenhöhe und mit Respekt im Alltag.
Quellen und Literatur zur Vertiefung
Baumann, Martin/Stolz, Jörg: Eine Schweiz-viele Religionen: Risiken und Chancen des Zusammenlebens, 2007.
Verein Stolpersteine Schweiz: Stolperstein für Arthur Bloch, stolpersteine.ch, https://www.stolpersteine.ch/opfer/arthur-bloch