30. OKTOBER 2025
Kiddusch und Käsekuchen Ein Schawuot-Gottesdienst in der Synagoge
«Chag Sameach!» Mit diesem hebräischen Festgruss, was fröhliches Fest bedeutet, wurde ich herzlich in der Synagoge begrüsst. Am Abend des 1. Juni 2025 begann das jährliche Schawuot-Fest im Judentum. Es gehört zu den drei grossen Wallfahrtsfesten im Judentum und weist somit eine wichtige Bedeutung auf. Mit Neugier, Vorfreude und Unwissen besuchte ich diesen Start des Schawuot-Festes in der Synagoge. Mein Ziel war es auf folgende Frage eine Antwort zu bekommen: Welche Rituale und Programmpunkte machen einen Schawuot-Abend in Bern aus?
Noà Furrer
Bachelor Interreligiöse Studien, Bern
Die Jüdische Gemeinde in Bern
Schon beim Eintreten merkte ich: Die Synagoge wird bewacht, denn aufgrund des Krieges zwischen Israel und der Hamas hat die Zahl antisemitischer Vorfälle in Europa deutlich zugenommen – auch in der Schweiz. Im Inneren der Jüdischen Gemeinde war die Stimmung ausgelassen, festlich und fröhlich.
Die Jüdische Gemeinde Bern ist an der Kapellenstrasse 2 in Bern zuhause. Die im sogenannten maurischen Stil erbaute Synagoge wurde 1906 eingeweiht. 1971 wurde der Bau durch ein Gemeindehaus erweitert. Es ist eine Einheitsgemeinde, was bedeutet, dass jüdische Gläubige aus verschiedenen Strömungen zusammenkommen, geführt wird die Gemeinde aber orthodox. Heute hat die Gemeinde um die 300 Mitglieder und bietet nebst den Gottesdiensten mehrere Angebote an, wie Religionsunterricht oder soziale Dienste.

Abbildung 1: Die Jüdische Gemeinde Bern in maurischem Stil.
Gottesdienst
Da nur um die 40 Personen anwesend waren, durften die Frauen ausnahmsweise unten im Raum links neben den Männern sitzen. Normalerweise nehmen sie auf der Empore Platz, denn in orthodoxen Synagogen ist die Geschlechtertrennung klar geregelt. Diese Praxis wird, besonders in heutiger Zeit, zunehmend hinterfragt. Ich setzte mich neben eine ältere Frau auf eine der knarrenden Holzbänke. Pünktlich um 18.45 Uhr begann der Vorbeter, mit dem Gebet und eröffnete so das Schawuot-Fest. Ich liess meinen Blick schweifen und lauschte: Kinder drückten sich eng an ihre Mütter, bei jeder Bewegung knarrten die Bänke, ein leises Murmeln war aus allen Ecken zu hören. Die Kleidung war bunt gemischt – einige Frauen trugen farbige Röcke, andere Hosen, und auch die Kippot, die Kopfbedeckung der Männer, war in allen Formen und Farben ersichtlich. Trotz dieser so festlichen und ruhigen Stimmung überraschte mich das Tempo des Gebetes. Die Gläubigen standen hinter den Bänken und blätterten energisch in ihren Gebetsbüchern, denn der Vorbeter eilte in schnellem Tempo voran. Das Gebet wurde auf Hebräisch gesungen, im Gebetsbuch gab es noch eine Spalte mit der deutschen Übersetzung.
Die Gebetspraxis im Judentum
Im täglichen religiösen Leben spielt das Gebet eine zentrale Rolle. Jüdische Männer sind verpflichtet, dreimal täglich zu beten, Frauen dürfen freiwillig daran teilnehmen. Es gibt eine einheitliche Grundstruktur für das Gebetsleben. Der Kern dieser Struktur bilden die Gebete Amidah und Schma Jisrael. In der Amidah, auch Achtzehnbittengebet genannt, werden Bitten an Gott formuliert: Die Bitte, dass der jüdische Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut wird, die Bitte um Weisheit, um Krankenheilung, um Sündenvergebung und um viele weitere Dinge. Alle Gebete sind in Gebetsbüchern niedergeschrieben. Das Morgengebet im Judentum wird Schacharit, das Nachmittagsgebet Mincha und das Abendgebet Maariv genannt. An Feiertagen, wie auch am wöchentlichen Ruhetag, dem Schabbat, unterscheidet sich das Gebet in seiner Form von dem an Werktagen.
Meine liebe Sitznachbarin erklärte mir flüsternd, was gebetet wurde und wo wir uns im Gebetsbuch befanden. Wie beim Abendgebet üblich, wurden Teile der Amidah gesprochen. Auch das Schma Jisrael und das Kaddisch-Gebet waren Teil des Gottesdienstes. Faszinierend fand ich, dass viele die Gebete auswendig kannten. Dies zeigte mir, dass das jüdische religiöse Leben einen klaren Rahmen hat und dieses Wiederholen solcher Gebete begleitet die Gläubigen ihr Leben lang.

Abbildung 2: So sieht ein Gebetsbuch aus. Ersichtlich sind die hebräischen Gebete, daneben die deutsche Übersetzung.
Wurzeln in der Tora
Diese religiöse Struktur zeigt sich durch das Jahr hindurch, denn das jüdische Jahr wird durch zahlreiche Feste strukturiert. Wichtig ist, dass jeder Festtag bereits am Vorabend beginnt. Dies leitet sich aus der Tora ab, genauer aus dem Buch Genesis: «Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der erste Tag.“ (Gen 1.5, Schlachter 2000). Auch das Schawuot-Fest beginnt am Vorabend.
Der jüdische Kalender ist ein Lunisolarkalender, er kombiniert also das Prinzip eines Mond- und eines Sonnenkalenders und unterscheidet sich somit vom gregorianischen Kalender. Das jüdische Jahr beginnt im Monat Tischri. Das Schawuot-Fest, das auch schon in der Tora vorkommt, wird im 9. Monat Siwan begangen, was dem Zeitraum Mai-Juni entspricht. Die Feste sind eng mit den Jahreszeiten verbunden, denn auch an Schawuot feiert man die Ernte, weil zu dieser Zeit in Israel der erste Weizen geerntet wird.
Bedeutung des Festes
Schawuot dauert in der Diaspora vom 6.–7. Siwan. Es wird 50 Tage nach dem 2. Pessach-Tag gefeiert. Das Wort bedeutet auf Hebräisch Wochen und bezieht sich auf sieben Wochen, die zwischen dem Pessachfest und Schawuot gezählt werden. Daher wird Schawuot auch Wochenfest genannt. In der Tora hat das Fest mehrere Namen wie Fest der Erstlingsfrüchte oder Fest der Ernte. Es zählt mit Sukkot und Pessach zu den drei grossen Wallfahrtsfesten, in denen das jüdische Volk traditionell zum Tempel in Jerusalem pilgerte, um zu opfern. Aufgrund der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. ist dies heute nicht mehr möglich. Neben dem landwirtschaftlichen Aspekt wird an Schawuot auch die Gabe der Tora am Berg Sinai gefeiert. Laut jüdischer Überlieferung erhielt das jüdische Volk die Tora und somit die Gebote durch Moses am Sinai, als sie aus Ägypten auszogen.

Abbildung 3: Das Schawuot-Fest dargestellt von Moritz Daniel Oppenheim, 1880.
Nächtliches Lernen
Nach nicht einmal 45 Minuten war der Gottesdienst mit seinen Gebeten vorbei und die Gebetsbücher wanderten zurück in ihre Regale. Ich dachte das Fest sei vorüber, aber ein zentraler Programmpunkt an Schawuot stand mir noch bevor. Ich folgte den Besucher*Innen die Treppe hinauf. Wir versammelten uns in einem Raum, der mit drei langen Tischreihen ausgestattet war. Bereits aufgestellt auf einem Tisch waren viele Weinflaschen, kleine Becher und Teller mit Käse und Käsekuchen. Doch bevor ich mir über das Buffet Gedanken machen konnte, begann Rabbiner Jehoschua Ahrens mit einem Vortrag. Er behandelte die Frage, ob Frauen in der Synagoge die Tora lesen dürfen. Es wurde ein Handout ausgeteilt, welches verschiedene rabbinische Quellen aufführte. Die Leute beteiligten sich an der Diskussion, stellten Fragen und lasen aufmerksam das Handout. Das Fazit des Vortrages war, dass die Rolle der Frau im Judentum durchaus sehr wichtig ist und dass jede Gemeinde dies selbst entscheiden müsse, ob die Frau aus der Tora vorlesen dürfe.
Milchige Speisen
Anschliessend wurde das Kiddusch-Gebet auf Hebräisch gesprochen, bei dem die Anwesenden alle mit einem Amen antworten. Das Kiddusch ist ein Segensspruch über einen Becher Wein, mit dem der wöchentliche Ruhetag und die jüdischen Feiertage eingeleitet und so geheiligt werden. Es wird unmittelbar vor einer Mahlzeit gesprochen, üblicherweise von einem Mann. Der Wein schmeckte süsslich in diesem kleinen Glas, welches mir überreicht wurde. Nach dem Wein stürzten sich einige direkt auf das Käsebuffet. Doch wieso wurden nur Käse und Käsekuchen serviert? Ich erfuhr, dass die Tora, die ja an diesem Tag gegeben wurde, mit Milch verglichen wird, die das Volk Israel gierig trank. Vor allem in rabbinischen Texten ist dieser Vergleich oft angeführt. Da die Tora mit Milch verglichen wird, die das Volk Israel trank, werden an Schawuot milchige Speisen gegessen. Dies beantwortet auch die Frage, wieso man bis spät in die Nacht Vorträge hört und gemeinsam lernt: Man gedenkt der Tora an diesem Tag, indem man sich mit dem Lehren beschäftigt.

Abbildung 4: An Schawuot werden milchige Speisen gegessen, um der Tora zu gedenken.
Die Besonderheit des Schawuot
Mit einem Stück Käsekuchen und einem Glas Wasser setzte ich mich wieder an meinen Platz. Die kleinen Kinder hatten langsam müde Augen, währenddessen die Erwachsenen in angeregten Gesprächen vertieft waren. Nun ging es weiter mit einem Vortrag von Prof. Dr. René Bloch, der an der Universität Bern das Institut für Judaistik leitet. Die Quellen, die René Bloch in seinem Vortrag erwähnte, wurden erneut auf einem Handout dargestellt. Er behandelte das Thema Antisemitismus. Spannend fand ich die Erkenntnis, dass fast alle jüdischen Feste mit Antisemitismus in Verbindung stehen. Man erinnert sich an Festen wie Purim, Pessach oder Chanukka an die Unterdrückung des jüdischen Volkes durch verschiedene Akteure. René Bloch betonte, dass das Judentum auch zu einem gewissen Teil durch den Antisemitismus erhalten bleibt. In Bezug auf dieses Thema ist Schawuot eine Ausnahme, denn hier gedenkt man an die Ernte und an die Toragebung, was nichts mit der Unterdrückung des jüdischen Volkes zu tun hat. Hierin liegt die Besonderheit des Schawuot.
Nach einer kurzen Käsekuchen-Pause ging es in die letzte Runde des Lernens. Allmählich merkte man den Anwesenden die Müdigkeit an. Beim letzten Vortrag wurde über Zahlen im Judentum und ihre Bedeutung gesprochen. Die Zahl vier als Beispiel bedeutet Vollständigkeit und göttliche Offenbarung, die Zahl vierzig steht für eine bestimmte Zeitspanne. Um ungefähr 22.00 Uhr, als einigen schon fast die Augen zufielen, war dieser Erew–Schawuot zu einem Ende gekommen und ich wusste nun, wie Schawuot hier in Bern gefeiert wird. Doch für die Gläubigen war das Fest nicht vorbei: Schon am nächsten Morgen wird Schawuot mit weiteren Feierlichkeiten in der Jüdischen Gemeinde fortgesetzt.
Quellen und Literatur zur Vertiefung
https://www.juedische-allgemeine.de/religion/schawuot-fest-der-tora/?q=Schawuot
Maier, J. (2013) Judentum: Studium Religionen. 2. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Bildquellen
Abb. 1: Eigene Aufnahme.
Abb. 2: Eigene Aufnahme.
Abb. 3: https://de.wikipedia.org/wiki/Schawuot
Abb. 4: https://www.cheeseprofessor.com/blog/shavuot-dairy-blintzes.