23. OKTOBER 2025
Zwischen Anpfiff und Amen: Fussball als modernes Ritual
Fussball in Bern als persönliche Annäherung
Ich lebe seit ein paar Jahren in Bern und schaue leidenschaftlich gerne Fussball. Zwar bin ich kein eingefleischter YB-Fan, aber durch das Leben in der Stadt und den Austausch mit meinen Mitstudierenden, viele davon begeisterte YB-Anhängerinnen und Anhänger, komme ich immer mehr mit dem Verein in Kontakt. Sie sind auch der Grund, weshalb ich inzwischen das eine oder andere Spiel im Wankdorf-Stadion erlebt habe. Dort spürt man sofort: Hier geht es um mehr als nur Sport. Fussball wird für viele zu einem Erlebnis, das stark an religiöse Rituale erinnert mit Gemeinschaft, Emotion und Symbolik. In diesem Beitrag frage ich mich, ob Fussball in Bern in einer zunehmend säkularen Gesellschaft Funktionen übernimmt, die früher der Religion vorbehalten waren. Und was das über unser heutiges Bedürfnis nach Verbindung und Ritual erzählt.
Matthias Scotton
Master Sekundarstufe 1, PH Bern
Rituale vor dem Spiel als Ausdruck von Gemeinschaft
«Ein Ritual ist eine wiederkehrende Handlung, die oft einen symbolischen Charakter hat und nach bestimmten Regeln oder Abläufen ausgeführt wird»
(Wikipedia, 2025, Abschnitt „Definition“)
Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen ins Wankdorf gehe, beginnt das Erlebnis meist schon weit vor dem Anpfiff. Bereits auf dem Weg zum Stadion sehe ich viele Menschen in gelb schwarzen Trikots oder mit Schals über den Schultern. Die Farben zeigen ganz klar, zu wem oder welchem Team man gehört. Vor dem Stadion sammeln sich die Menschen in kleinen Gruppen, philosophieren miteinander über Fussball, halten ein kühles Bier in der Hand und beissen in ihre Stadionwurst, während sich eine gespannte Erwartung in der Luft ausbreitet. Für mich hat dies fast etwas Feierliches, wie ein ungezwungenes Zusammensein vor einem Gottesdienst. Man wärmt sich nicht körperlich, sondern gemeinsam ein, sozial, emotional und voller Vorfreude auf das Spiel.
In gewisser Weise gleicht der Weg ins Stadion einer Pilgerreise. Wie gläubige Menschen, die sich zu heiligen Stätten begeben, bewegt sich auch die Fangemeinde in Richtung eines für sie bedeutungsvollen Ortes. Dabei geht es nicht um religiöse Pflicht, sondern um das gemeinsame Ziel, das Erleben eines besonderen Moments. Die Pilgerreise zur «Kathedrale des Fussballs» beginnt nicht mit einem Gebet, sondern mit dem ersten Schritt aus dem Haus und endet längst nicht mit dem Abpfiff, sondern vielleicht erst mit dem letzten Bier nach dem Spiel.

Abbildung 1: Choreo Champions League Bild: F.Imfeld
Das Stadion als ritueller Raum
Mit dem ersten Schritt ins Stadion verändert sich die Stimmung spürbar. Es ist, als würde man einen Raum mit besonderer Atmosphäre betreten, fast wie beim Eintritt in eine Kirche. Der Religionssoziologe Émile Durkheim beschrieb Rituale als kollektive Handlungen, die ein heiliges Gemeinschaftsgefühl erzeugen, unabhängig vom religiösen Inhalt. In seinen Ausführungen vergleicht er die Wirkung gemeinschaftlicher Rituale mit einer Art Elektrizität, die die Beteiligten in einen Zustand der Erregung versetzt und das kollektive Gefühl des Heiligen hervorruft (Durkheim, 2001 [1912], S. 162–163). In diesem Sinne lässt sich das Stadion als säkularer Ritualraum deuten. Besonders eindrücklich ist der Moment, wenn die Mannschaft einläuft und die YB Hymne «Hie» von Wurzel 5 gespielt wird. Wenn tausende Fans Zeilen wie «Hie ghöri härä, hie isch mis deheimä» singen, entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es wirkt wie ein gemeinsames Bekenntnis, das Spiel beginnt und alle sind bereit. Dazu kommt die grosse Choreo in der Kurve. Farbige Transparente werden hochgehalten, Fahnen geschwenkt, riesige Banner mit Symbolen, Botschaften oder historischen Momenten entfaltet. Es ist vergleichbar mit den Bildern oder Verzierungen in einer Kirche, die auf etwas Grösseres verweisen und eine visuelle Verbindung zwischen den Menschen schaffen. Auch Gedenkchoreografien an verstorbene Vereinsmitglieder gehören dazu und zeigen, dass ihnen auch im Stadion die letzte Ehre erwiesen wird. Die Fans gestalten aktiv mit, denn Rituale leben vom gemeinsamen Mitmachen.
Emotionen und Symbolik im Spielverlauf
Auch im Spiel folgen viele Abläufe festen Mustern. Die Kurve singt je nach Spielstand andere Lieder, das ganze Stadion klatscht gemeinsam, bei einem Angriff stehen alle auf. Es ist beeindruckend, wie automatisiert dieses Verhalten abläuft. Die Zuschauerinnen und Zuschauer fiebern mit, reagieren kollektiv, als gäbe es ein unsichtbares Drehbuch. Am eindrücklichsten finde ich das gemeinsame Singen. Fangesänge sind im Stadion das, was in der Kirche der Gesang der Gemeinde ist. Sie verbinden, strukturieren den Ablauf und tragen die Stimmung. Manche Lieder sind laut und kraftvoll, andere fast feierlich. Kaum erklingen die ersten Töne, wissen alle, was gesungen wird und alle machen mit. Wenn so viele Menschen dasselbe Lied singen, entsteht ein intensives Gemeinschaftsgefühl. Wie Psalmen, die über Generationen hinweg überliefert wurden, werden auch Fangesänge weitergegeben und im Stadion zelebriert. Besonders eindrucksvoll wird dieses Gefühl ab der 76. Minute. Dann beginnt die berühmte YB Viertelstunde. Die Fans stehen auf, klatschen im Rhythmus, feuern ihre Mannschaft mit voller Kraft an. Diese Tradition geht zurück auf ein Spiel im Jahr 1910, als YB gegen Luzern eine Viertelstunde vor Schluss noch zurücklag und das Spiel mit drei späten Toren drehen konnte. Seither steht diese letzte Phase für Hoffnung, Kampf und Aufbäumen bis zum Schluss. Für mich ist das wie der feierliche Schlussteil eines Gottesdienstes, bei dem sich die Gemeinde nochmals sammelt, singt und gemeinsam abschliesst.
Wenn dann ein Tor fällt, brechen alle Dämme. Plötzlich springen alle auf, jubeln, lachen, umarmen sich – auch solche, die sich gar nicht kennen. Dann setzt die Torhymne ein: «YB, YB, so tönts im ganze Stadion. YB, YB, du bisch die grössti Sensation.» Alle stimmen ein. Der Moment ist kurz, aber intensiv und er gehört allen. Auch bei einem Gegentor ist die Reaktion kollektiv, das Leiden wird ebenso geteilt wie die Freude.
Nach dem Abpfiff geht die Mannschaft zur Kurve, bedankt sich für die Unterstützung, egal wie das Spiel ausgegangen ist. Wenn es nicht gut lief, kann es vorkommen, dass die Fans das Gespräch suchen oder ihre Meinung deutlich machen. In den meisten Fällen endet das Spiel jedoch mit einer gemeinsamen Verabschiedung. Für mich wirkt das wie der Abschluss eines Gottesdienstes, bei dem nach dem Segen langsam Ruhe einkehrt. Nach dem Spiel lassen wir den Abend oft gemeinsam ausklingen, ziehen noch in eine Bar oder setzen uns draussen an einen Tisch, stossen an, reden über das Spiel oder das Leben. Diese Momente gleichen dem vertrauten Beisammensein nach einem Gottesdienst, wenn man sich beim Apéro begegnet, Gedanken teilt und das Erlebte nachklingt.
Was mich beeindruckt: Diese Rituale sind nicht religiös im engeren Sinne, aber sie geben Struktur, stiften Gemeinschaft und verleihen dem Moment eine tiefere Bedeutung. Ich bin kein wirklicher YB-Fan, aber ein leidenschaftlicher Fussballfan. Auch wenn ich ohne Schal oder Trikot ins Stadion gehe, fühle ich mich nicht weniger eingebunden. Es ist nicht immer die Zugehörigkeit, die zählt, sondern die gemeinsame Leidenschaft für das Spiel, die alle im Stadion für einen Moment vereint.

Abbildung 2: Gewinn Meisterschaft Bild: F. Imfeld
Fussball als moderner Ort für Identität und Zusammenhalt
Bern ist eine multikulturelle Stadt, in der Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Religionen und Lebensweisen zusammenleben. Im Stadion verschwimmen diese Unterschiede. Dort interessieren Herkunft, Religion oder Weltanschauung plötzlich kaum noch. Was zählt, ist das gemeinsame Erlebnis, das Mitfiebern, das Singen, das Anfeuern. Ich finde es beeindruckend, wie Fussball Räume schaffen kann, in denen Menschen verschiedenster Herkunft zusammenkommen. Auf den Rängen sitzen oft Personen nebeneinander, die im Alltag vielleicht kaum Berührungspunkte hätten. Für viele entsteht im Stadion ein Gefühl von Zugehörigkeit, bei dem Herkunft, Beruf oder Glaube vorübergehend in den Hintergrund treten. Natürlich ist dieses Bild nicht frei von Widersprüchen. Gewalt, Rassismus oder fanatische Abgrenzung zwischen Fangruppen gehören ebenso zur Realität. Und doch bleibt das Stadion ein Ort, an dem zumindest für Momente das Gemeinsame über das Trennende siegt, in der geteilten Emotion, im kollektiven Jubel, im Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein.
Das Stadion ist tief in Bern verankert. Selbst wer selten hingeht, kennt es. Für die regelmässigen Besucherinnen und Besucher ist es ein vertrauter Ort. Man weiss, wo man sitzt, wann was passiert und wann was eingestimmt wird. Farben, Symbole und Erzählungen rund um YB prägen das kollektive Gedächtnis und stiften Identität. Auch ich habe inzwischen Erinnerungen, die ich mit diesem Ort verbinde, sei es an die gewonnenen Cupfinals des FC Sion, bei denen ich nicht YB unterstützte, oder an die magischen Champions-League-Nächte, in denen man gemeinsam für YB mitfiebert. Es sind meine persönlichen Kapitel einer grösseren Geschichte.
Wie in einer Kirche gibt es auch im Stadion eine klare Ordnung. Die Mannschaft steht im Mittelpunkt, das Publikum reagiert. Es gibt Abläufe, Regeln und Rituale. Der Schal ist mehr als ein Accessoire. Er ist ein Zeichen der Zugehörigkeit. Anders als in Kirchen, wo sich die Gläubigen meist nicht durch äussere Zeichen erkennbar machen, wird die Verbundenheit im Stadion deutlich sichtbar getragen. Die Atmosphäre lädt den Raum auf mit Emotionen, Erinnerungen und Bedeutung. So wird das Stadion zu einem besonderen Ort, der trotz seiner Weltlichkeit etwas Erhabenes ausstrahlt. Die Emotionen im Stadion sind meist unmittelbarer, lauter und körperlicher als jene in kirchlichen Räumen, wo oft Stille, Einkehr und Zurückhaltung vorherrschen. Es ist ein Raum, in dem Emotionen, Geschichten und Gemeinschaft so intensiv erlebt werden, dass sie fast etwas Heiliges an sich haben. Dieses Heilige unterscheidet sich jedoch von der religiösen Dimension in einer Kirche. Es ist nicht durch einen überirdischen Glauben begründet, sondern entsteht aus gemeinschaftlicher Erfahrung und individueller Bedeutung. Für viele Menschen ist das Wankdorf ein Ort, an dem sie sich als Teil von etwas Grösserem erleben. Vielleicht kein heiliger Ort im religiösen Sinn, aber ein bedeutungsvoller Ort, der immer wieder aufgesucht wird, um gemeinsam etwas zu erleben. Ich glaube, dass sich viele nach genau solchen Erfahrungen sehnen, nach Wiederholung, nach Ritual und nach Gemeinschaft. Und im Stadion finden sie genau das.

Abbildung 3: Choreo Liga Bild: F. Imfeld
Fazit: Fussball als säkulares Ritual
Fussball ist mehr als ein Spiel. Besonders in Bern wird das spürbar. Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen kommen zusammen, singen, hoffen, jubeln und trauern. Für die einen ist es Unterhaltung, für die anderen Ausdruck von Gemeinschaft. Die Nähe zur Religion ist kein Zufall. Rituale, Symbole, gemeinsames Singen und kollektive Emotionen prägen beide Welten. In einer Stadt wie Bern, die sowohl religiös vielfältig als auch stark säkular geprägt ist, wird das Stadion für viele zu einem Ort der Begegnung. Menschen brauchen Rituale. Vielleicht brauchen wir solche Räume heute besonders. Was im Stadion geschieht, erinnert oft an religiöse Erfahrungen. Fans singen gemeinsam, teilen Emotionen und erleben sich als Teil eines grösseren Ganzen. Doch diese Momente sind flüchtig. Der Jubel vergeht, der Alltag kehrt zurück. Hier zeigt sich ein wichtiger Unterschied zur Religion. Religiöse Rituale tragen oft weiter. Ein Gebet oder ein Segen kann über den Moment hinaus Kraft geben. Im Fussball zählt am Schluss die Leistung. Im Gottesdienst zählt die Annahme. Gerade wer zweifelt oder scheitert, wird nicht ausgeschlossen, sondern gestärkt. Vielleicht zeigt der Fussball, wonach sich viele sehnen. Nach einem Ort, an dem sie dazugehören. Nach einer Gemeinschaft, die nicht nur verbindet, sondern auch trägt. Doch so sehr er berührt, die Tiefe und Weite einer Religion kann er nicht ersetzen.
Zur Vertiefung
https://www.kirche-und-leben.de/artikel/kirche-braucht-begeisterung-wie-im-fussball
https://repository.uwtsd.ac.uk/id/eprint/386/1/RERC2-011-1-EYR.pdf
https://tamarasfootballmosaic.wordpress.com/2013/10/12/football-as-a-ritual/
Quellen
BSC Young Boys. (o. J.). Stadion Wankdorf. BSC Young Boys. Abgerufen am 18. Juni 2025, von https://www.bscyb.ch/stadion-wankdorf
Durkheim, É. (2001). The elementary forms of religious life (J. Swain, Trans.). Oxford University Press. (Original work published 1912)
Lower Block. (2024, 5. März). Football culture, lifestyle & fandom: Football culture is the heartbeat of the beautiful game. Abgerufen am 18. Juni 2025 von https://lowerblock.com/articles/football-culture-the-heartbeat-of-the-beautiful-game/
McKinnon, A. (2014). Elementary forms of the metaphorical life: Tropes at work in Durkheim’s theory of the religious. Journal of Classical Sociology, 14(2), 203–221. https://doi.org/10.1177/1468795X13494130
Wikipedia. (2025, 12. Juni). Ritual. In Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Abgerufen am 24. Juni 2025, von https://de.wikipedia.org/wiki/Ritual