16. OKTOBER 2025
Der Tag eines Imams Zwischen Gebet, Seelsorge und Gemeindearbeit
Was macht ein Imam eigentlich den ganzen Tag? Ja, er ist fünfmal täglich in der Moschee, um das Gebet zu leiten – das ist allgemein bekannt. Aber wie sieht der Alltag eines Imams neben dieser Pflicht aus? Genau diese Frage ging mir während eines Besuches in der IKRE Bern durch den Kopf. Zwischen Seelsorge, Unterrichten, organisatorischen Aufgaben und privaten Angelegenheiten: Der Beruf eines Imams ist vielfältiger, als viele denken. Um meine Frage zu beantworten, nahm sich der Imam der IKRE Moschee in Bern, Sali Ibrahimi, Zeit, mir durch das Beantworten einiger Fragen einen tieferen Einblick in seinen Alltag zu geben.
Amina Rougui
Bachelor Islamic and Middle Eastern Studies, Bern
Ruhe in meinem Herzen
Es war nicht mein erster Besuch in der IKRE Moschee. Doch mein erster, nachdem dort die Umbauten gestartet wurden. Beim Betreten des neuen, grossen Männer-Gebetssaales fühlte ich die Ruhe in meinem Herzen, wie ich es in jeder Moschee verspüre. Ein Gefühl von Frieden und Geborgenheit. Wir, meine Mitstudierenden und ich, wurden von Imam Sali und Mitgliedern des Vorstandes willkommen geheissen. Anschliessend wurden wir herumgeführt, wurden mit Getränken und einigen Snacks versorgt und konnten viele Fragen stellen. Während der Fragerunde geht mir der Gedanke durch den Kopf, was der Imam eigentlich macht, wenn er nicht gerade ein Gebet leitet oder Fragen von Studierenden beantwortet?

Bild 1: Gebetsraum der IKRE Moschee Bern vor dem Umbau, heute Gebetsbereich für Frauen (Bild: Amina Rougui)
Kann ein Imam ausschlafen?
Bei meinen Recherchen werden mir viele Wörter um den Kopf geschlagen. «Vorbild», «Anführer», «Vorbeter», «Oberhaupt». Imam kann einerseits einfach derjenige genannt werden, der der Vorbeter in einer Gruppe von Betenden ist und das Gebet leitet (Link: Imam), andererseits jedoch auch jemand, der noch mehr Aufgaben und Pflichten hat, wie Lehrer, Seelsorger oder Berater. (Link: Trucco)
Der Alltag eines Imams, und eigentlich jedes Muslims, ist geprägt durch die fünf täglichen Gebete, die sich über den ganzen Tag verteilen. Das Morgen-, Mittags-, Nachmittags-, Abend- und Nachtgebet geben einem die Möglichkeit, eine Pause in den meist stressigen Alltag zu bringen. Je nach Jahreszeit verschieben sich diese Zeiten etwas, da sie vom Sonnenstand abhängig sind. Der Tag beginnt mit dem Morgengebet.
Das Morgengebet ist jenes, welches beim Eintreten der Morgendämmerung beginnt. Das sogenannte Fajr-Gebet wird also noch vor dem Sonnenaufgang, also v.a. im Sommer sehr früh, gebetet. Auch hierzu geht der Imam in die Moschee. Da er in der Nähe der Moschee wohnt, ist es ihm möglich, auch zu dieser frühen Stunde pünktlich zum Leiten des Gebets zu erscheinen. Auf meine Frage, ob zu dieser Uhrzeit viele Gläubige zur Moschee kommen, antwortet der Imam, dass es besonders die engagierten Gemeindemitglieder seien, die regelmässig daran teilnehmen. Meistens seien es etwa 20-30 Personen. Da ich selbst Muslima bin und für das Morgengebet aufstehe, war ich neugierig, ob auch der Imam nach Beendung des Gebets wieder zurück ins Bett geht, um noch etwas weiterzuschlafen, so wie ich es jeweils tue. Daraufhin antwortete er, dass er dies selten tue. Im Sommer eher nicht, da die Nacht sehr kurz ist, und im Winter geschehe das je nach Bedarf. Daher kennt der Imam das Konzept von «Ausschlafen» kaum.
Wenn die Sonne ihren höchsten Stand überschritten hat
Wenn die Sonne ihren höchsten Stand überschritten hat und wieder zu sinken beginnt, beginnt das Mittagsgebet, auf arabisch Dhuhr genannt. So auch am Freitagmittag, wobei dies noch ein anderer besonderer Moment ist. Am Freitagmittag versammeln sich die Muslime gemeinsam zum sogenannten Freitagsgebet in der Moschee. Zum Freitagsgebet gehört auch die Predigt, die vom Imam auf einer Erhöhung im Gebetssaal gehalten wird. Diese Predigt muss natürlich auch vorbereitet werden, was je nach Thema einiges an Zeit und Recherche beansprucht. Gemäss Imam Sali wird sie bereits Tage vorher vorbereitet, oftmals über mehrere Tage hinweg. Allgemein ist das Gemeinschaftsgebet für Männer eine sehr empfohlene Praxis, besonders das Freitagsgebet. Frauen steht die Teilnahme ebenfalls offen, jedoch ohne Verpflichtung. Ist man verhindert, in die Moschee zu gehen, kann man das Gebet auch zu Hause oder auf der Arbeit verrichten. Gerade unter der Woche sei die Anzahl der Besucher niedriger. Am Wochenende und besonders zum Freitagsgebet sind die Räume jedoch gefüllt.

Bild 2: Minbar (Gebetskanzel) in der IKRE Moschee Bern (Bild: Amina Rougui)
Manchmal bis um Mitternacht in der Moschee
Nach dem Mittagsgebet folgt das Nachmittags- und beim Eintreffen der Abenddämmerung das Abendgebet. Meist werden in diesem Zeitraum die weiteren Verpflichtungen, die einen Imam ausmachen, erledigt. Besonders die Aufgaben innerhalb der Moschee, wie Gespräche führen, sich mit dem Moscheevorstand oder Mitgliedern austauschen, unterrichten und beraten. Imam Sali ist auch aktiv in verschiedenen Gremien und Projekten, darunter Seelsorgegespräche und Treffen mit Jugendlichen und Jugendarbeit. Er ist Mitglied im Verein «Multireligiöse Begleitung» und Vorstandsmitglied im islamischen Kantonalverband Bern. Der Imam erzählt mir im Gespräch, dass einige solcher Aufgaben an bestimmte Tage gebunden seien. Beispielsweise ist der Mittwoch für Seelsorgegespräche und individuelle Beratungen vorgesehen und der Sonntag für das Unterrichten bzw. die Koranschule von Kindern und Erwachsenen. Als ich ihn nach den Themen fragte, welche er unterrichtet, antwortete er mir mit: Koranrezitation, islamischer Glaubenslehre, Rechtslehre, der Biographie des Propheten und arabischer Sprache. Ansonsten beschäftigt er sich auch gerne selbst mit dem Lesen des Korans, mit dem Studieren von islamischen Büchern oder dem Vorbereiten von Predigten oder Vorträgen. In der IKRE Moschee werden auch die islamischen Feiertage gefeiert, dies mit Festgebeten und Predigten. Darüber hinaus leitet der Imam unter anderem auch die Zeremonie von islamischen Eheschliessungen.
Nach einem langen und vielfältigen Tag wird mit dem Nachtgebet ein friedlicher Abschluss gefunden. Imam Salih erzählt mir, wie er manchmal bis um Mitternacht in der Moschee ist, um zu beten, zu lesen oder sich mit den Besuchern zu unterhalten und ihre Fragen zu beantworten. Oder einfach nur, um für sie da zu sein. Ein Beruf der viel fordert, aber sehr viel gibt.
Auch ein Imam braucht einmal eine Auszeit. So erzählt Imam Sali, dass er üblicherweise am Mittwoch- und Freitagnachmittag frei hat. Zusätzlich nehme er sich gelegentlich auch einmal Ferien und Zeit für sich und seine Familie. Vor kurzem war er in Saudi-Arabien auf Pilgerreise.
Ein herzliches Dankeschön an Imam Sali für seine Offenheit und Zeit, mir alle Fragen ausführlich zu beantworten. Barak Allahu Fīh – möge Allah ihn segnen.
Zur Vertiefung
https://www.miqat.eu/blog/hadsch-2025-alles-wissenswerte-uber-die-pilgerfahrt
Quellen
Schriftlicher Austausch mit Imam Sali Ibrahimi von der IKRE Moschee Bern
«Imam.» Religionen-entdecken.de https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/i/imam (Letzter Zugriff: 29.06.2025)
Trucco, Noemi. «Imame in der Schweiz», Islam&Society https://islamandsociety.ch/de/imame-in-der-schweiz/ (Letzter Zugriff: 29.06.2025)