4. Dezember 2025
Lotus statt Kreuz:
Wie kam es zum ersten buddhistischen Grabfeld der Schweiz und was können junge Menschen daraus lernen?
Yannick Holzer
PH Bern IS1
Lotus statt Kreuz
Noch nie zuvor hatte ich ein buddhistisches Grab gesehen. Als ich durch den Bremgartenfriedhof ging und zum ersten Mal vor der Buddha-Statue und den grossen Lotusblütenfeldern stand, wusste ich, dass dieser Ort anders ist. Die beiden Lotusbeete lagen im Gras und wirkten beruhigend. Die Statue sass ruhig unter dem Baum, deutlich grösser, als ich sie mir vorgestellt hatte. Dahinter stand ein junger Silberahorn, der mich sofort an den Bodhi-Baum erinnerte. Wo sonst Holzkreuze stehen, zeigen sich hier fernöstliche Symbole. Kreuz trifft auf Lotus, West begegnet Ost, und Tradition vermischt sich mit Migration.

Abbildung 1: Der Lotusgarten auf dem Bremgartenfriedhof
Dieser Anblick war ungewohnt für mich. In meinem Heimatdorf reihen sich ausschliesslich christliche Grabkreuze aneinander. Erst hier in Bern begriff ich, wie vielfältig Abschied und Erinnerung sein können.
Was erzählt ein Grabfeld wie dieses über den Umgang mit Leben und Abschied? Während ich über diese Fragen nachdenke, wird mir bewusst, wie mobil Glaube geworden ist. 2018 hat Bern als erste Stadt der Schweiz eine buddhistische Grabstätte eröffnet. Dies ist ein stilles Zeichen dafür, wie vielfältig Religion heute gelebt werden kann.
Mein Blick wandert noch einmal über die Lotusbeete, vorbei an der Buddha-Statue, hin zum jungen Silberahorn. Genau hier beginnt mein Versuch, die Geschichte des Berner Buddhismus besser zu verstehen.
Buddhismus in Bern: Mitten im Alltag
In Bern leben nicht besonders viele Buddhistinnen und Buddhisten, doch ihre Vielfalt ist überraschend. Im Kanton Bern allein gibt es laut Religionsbefragung 14 offiziell registrierte buddhistische Gemeinschaften (vgl. Kanton Bern 2024). Hast du gewusst, dass der Buddhismus im Kanton Bern in so vielen verschiedenen Formen präsent ist? Ich war überrascht. Bis vor kurzem fiel mir der Buddhismus im Alltag kaum auf. Doch seit meiner Recherche entdecke ich immer öfter kleine Dharma-Räder an Haustüren oder Lotus-Sticker auf Velosattelstützen. Wenn ich an meine Schulzeit denke, begegnete mir Buddhismus höchstens im Religionsbuch. Heute sehe ich ihn auf der Strasse, im Teeladen und auf dem Friedhof.
Die bedeutendste buddhistische Plattform in Bern ist heute der Inter-Buddhistische Verein im Haus der Religionen bei der Europaplatzbrücke. Dort sind heute mehrere buddhistische Traditionen vertreten. Der Inter-Buddhistische Verein umfasst drei Gruppen des tibetischen Buddhismus, Theravada-Praktizierende aus Sri Lanka und Thailand sowie Gemeinschaften des Zen und Chan. Sie nutzen gemeinsam einen hellen Meditationsraum (vgl. Haus der Religionen 2024). Seit 2008 ist der Inter-Buddhistische Verein im Haus der Religionen zuhause. Der Verein versteht sich als offener Ort für Meditation und Begegnung. Er bietet Raum für Austausch, ohne dabei missionieren zu wollen (vgl. Buddhistischer Verein Bern). Für mich ist das eine Haltung mit Vorbildcharakter. Diese Haltung öffnet den Raum für Austausch, ohne jemanden überzeugen zu wollen. Genau das passt zu einer Stadt, in der viele Religionen nebeneinander leben.

Abbildung 2: Haus der Religionen, Bern
Deshalb stellen sich mir die Fragen: Warum blieb der Buddhismus auf unseren Friedhöfen so lange unsichtbar? Und wie kam es dazu, dass Bern das erste buddhistische Grabfeld der Schweiz einrichtete?
Ein Ort entsteht: Der Weg zur ersten buddhistischen Grabstätte der Schweiz
Ich erinnere mich an meine Grossmutter. Für sie war es ein grosser Trost, dass sie meinen Grossvater auf einem Friedhof besuchen konnte, der ihr vertraut war. Es war ein Ort, an dem ihre Trauer Platz fand.
Wie ist das für Menschen, deren religiöse Rituale an einem solchen Ort bisher keinen Platz hatten? Warum gab es in einer weltoffenen Stadt wie Bern so lange kein einziges Grabfeld für Buddhistinnen und Buddhisten?
Genau diese Frage bewegte auch die Stadt Bern. 2017 beschloss der Gemeinderat, auf dem Bremgartenfriedhof erstmals Raum für buddhistische Abschiedsrituale zu schaffen. In einer Medienmitteilung kündigte er die Errichtung eines speziellen Grabfelds für Buddhistinnen und Buddhisten an. Dabei arbeitete die Stadt eng mit dem Interkulturellen Buddhistischen Verein Bern zusammen, um ein praktisches und symbolisch stimmiges Konzept zu entwickeln. Das geplante Grabfeld umfasste zwei Urnenthemengräber in Form von Lotusblüten mit Platz für je 30 Urnengräber, Blumenschmuck, Kerzen und Namensplaketten. Ein grosser Silberahorn wurde als Symbol für den Bodhi-Baum vorgesehen. Darunter befindet sich nun eine gespendete Buddha-Statue. Insgesamt bewilligte der Gemeinderat dafür und für weitere Sanierungen 225’000 Franken (vgl. Stadt Bern 2017).
Als ich diese Summe las, dachte ich zuerst, dass es ein hoher Betrag für ein relativ kleines Grabfeld ist. Doch dann wurde mir klar, dass es hier nicht bloss um Quadratmeter geht, sondern um Respekt und Wertschätzung gegenüber einer Gemeinschaft, die in meiner Wahrnehmung bisher kaum sichtbar war.

Abbildung 3: Eröffnung des buddhistischen Grabfeldes
Bei der feierlichen Eröffnung am 7. Juni 2018 wurde deutlich, was dieser Ort bedeuten kann. Rund 150 Gäste nahmen an der Zeremonie teil, darunter Vertreter buddhistischer Gemeinschaften, der Landeskirchen, des Hauses der Religionen und regionaler Bestattungsdienste (vgl. Stadt Bern 2018).
Doch was bedeutet es eigentlich, wenn eine Religion durch ein Grabfeld sichtbar wird? Wird sie damit anerkannt oder bloss ausgestellt? Ich denke, Sichtbarkeit allein genügt nicht. Entscheidend ist, was daraus entsteht. Wenn eine Stadt wie Bern einen Ort schafft, an dem auch buddhistische Menschen ihre Verstorbenen beerdigen können, und zwar unter den gleichen Voraussetzungen wie andere religiöse Gruppen, dann geht es um mehr als Gleichbehandlung. Als ich zwischen den Lotusbeeten stand, fühlte ich kein mulmiges Friedhofsgefühl, sondern Ruhe ohne Schwere. Der Ort erzählt nicht von Verlust, sondern von Wandel und Neubeginn. Genau darin zeigt sich, dass Bern buddhistische Traditionen nicht nur duldet, sondern als Teil unserer Gesellschaft anerkennt.
Ein Ort, der junge Menschen nachdenken lässt
Wann hast du das letzte Mal mit Jugendlichen über Religion gesprochen? Was denkst du, wie viel wissen sie eigentlich über die verschiedenen Kulturen und Religionen, die in Bern anzutreffen sind?
Im Alltag stossen Jugendliche immer wieder auf Symbole wie den Lotus, das Dharma-Rad oder eine Buddha-Statue. Sie begegnen ihnen auf Bildern oder in sozialen Medien. Doch wissen sie eigentlich, was diese Zeichen bedeuten? Wissen sie auch, dass es mitten in Bern einen Ort gibt, an dem dies ganz real mit Abschied und Erinnerung verbunden wird?
Ich erinnere mich an eine Schülerin im ERG-Unterricht, die mich einmal fragte, ob Buddhisten eigentlich auch Friedhöfe haben. Damals konnte ich nur mutmassen. Heute wüsste ich, wo ich mit ihr hingehen würde.
Gerade weil in der Schule alle fünf grossen Weltreligionen besprochen werden, ist der Bremgartenfriedhof für mich ein wertvoller Lernort. Ich kann mir gut vorstellen, mit einer Klasse eine Führung zu buchen oder gemeinsam durch das buddhistische Grabfeld zu gehen. Danach würde ich gerne mit den Schülerinnen und Schülern darüber sprechen, wie verschiedene Menschen ihren Tod verstehen und was das mit ihrer Lebenseinstellung zu tun hat.
Was mich am buddhistischen Grabfeld besonders berührt hat, war seine Stille und seine Klarheit. Die Symbolik verweist nicht auf Trauer, sondern auf den Kreislauf des Lebens. Vielleicht liegt genau darin eine Haltung, die auch jungen Menschen etwas zeigen kann, zum Beispiel in Form von Achtsamkeit, Mitgefühl und der Einsicht, dass alles im Wandel ist. Wer solche Perspektiven kennenlernt, begegnet Vielfalt womöglich eher mit Ruhe als mit Unsicherheit. Ich sehe darin einen grossen pädagogischen Wert. Das Grabfeld macht religiöse Traditionen erfahrbar, nicht in einem fernen Land, sondern hier in Bern. Vielleicht ist es genau diese Nähe, die Jugendliche aufmerksam macht. Wer solche Orte kennt und versteht, trägt ein Stück mehr Offenheit in die Welt, in der er oder sie später einmal Verantwortung übernimmt.
Was ich am Lotusgarten verstanden habe: Mein Fazit
Der Lotusgarten hat mir gezeigt, dass religiöse Zeichen ihre Wirkung nicht durch Abstand gewinnen, sondern durch Nähe. Sie gehören dorthin, wo Menschen leben, fühlen und Abschied nehmen.
Ich finde es stark, dass Bern als erste Schweizer Stadt ein Grabfeld für Buddhistinnen und Buddhisten geschaffen hat. Gerade in einer multireligiösen Stadt wie Bern ist das mehr als ein symbolischer Akt. Es ist ein konkreter Ausdruck von Anerkennung. Besonders für jene Menschen, deren Abschiedsformen bisher übersehen wurden. Wer seine Angehörigen auf vertraute Weise verabschieden kann, fühlt sich respektiert und zugehörig. Für mich ist das ein Zeichen gelungener Integration.
Auch als Lehrperson nehme ich viel mit. Ich glaube, wir sollten solche Orte mit Jugendlichen besuchen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Denn wie sollst du Offenheit entwickeln, wenn du nie siehst, wie vielfältig Religion direkt vor deiner Haustüre gelebt wird? Der Lotusgarten im Bremgartenfriedhof zeigt das auf stille und eindrückliche Weise. Wer ihn besucht, spürt vielleicht zum ersten Mal, was buddhistisches Abschiednehmen bedeuten kann. Es öffnet den Blick auf das Leben, das Sterben und das friedliche Miteinander in einer vielfältigen Stadt wie Bern.
Quellen und Literatur zur Vertiefung
Buddhistischer Verein Bern. (o. J.). Willkommen. Abgerufen am 26. Juni 2025 von: https://buddhismus-bern.ch
Haus der Religionen. (2024). Buddhist:innen – Dialog der Kulturen. Abgerufen am 26. Juni 2025 von: https://haus-der-religionen.ch/gemeinschaften/buddhistinnen
Kanton Bern. (2024). Religionsbefragung – Religiöse Gemeinschaften im Fokus. Abgerufen am 26. Juni 2025 von: https://www.religionsbefragung.sites.be.ch
Stadt Bern. (2017, 22. Dezember). Bremgartenfriedhof wird zum Friedhof der Religionen, Abgerufen am 25. Juni 2025 von: https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_ptk/bremgartenfriedhof-wird-zum-friedhof-der-religionen
Stadt Bern. (2018, 7. Juni). Grabfeld für Buddhistinnen und Buddhisten eröffnet. Abgerufen am 25. Juni 2025 von: https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_ptk/grabfeld-fuer-buddhistinnen-und-buddhisten-eroeffnet
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: SynagoStadt Bern. (2018, 7. Juni). Grabfeld für Buddhistinnen und Buddhisten eröffnet. Abgerufen am 25. Juni 2025 von: https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_ptk/grabfeld-fuer-buddhistinnen-und-buddhisten-eroeffnet
Abbildung 2: Haus der Religionen, Bern Haus der Religionen. (2024). Buddhist:innen – Dialog der Kulturen. Abgerufen am 26. Juni 2025 von: https://haus-der-religionen.ch/gemeinschaften/buddhistinnen
Abbildung 3: Eröffnung des buddhistischen Grabfeldes Stadt Bern. (2018, 7. Juni). Grabfeld für Buddhistinnen und Buddhisten eröffnet. Abgerufen am 25. Juni 2025 von: https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_ptk/grabfeld-fuer-buddhistinnen-und-buddhisten-eroeffnet