24. NOVEMBER 2025
Von Vorurteilen zu Vertrauen
Meine Begegnung mit einer vergessenen Glaubensgemeinschaft
Eine nervöse Studentin, Vorurteile im Gepäck und ein «anderer» Gottesdienst – so beginnt meine Reise zu den Mennoniten in Bern. Als Universitätsprojekt gestartet, wird mein Besuch zu einer überraschenden Begegnung mit einer Gemeinschaft, die Moderne und traditionelle Werte auf besondere Weise verbindet. Ein Einblick.
June Münstermann
Bachelor Germanistik und Interreligiöse Studien, 6. Semester
Der 15. Juni ist ein kühler Sonntagmorgen. Zwischen den wattebauschähnlichen Wolken zeigt sich der hellblaue Himmel. Ein kühlender Wind weht, als ich nervös von der Schwanengasse zum Bahnhof laufe. Mein Puls beschleunigt sich nicht nur wegen meines schnellen Schrittes, sondern vor allem wegen der Angst, zu spät zu kommen.
Der Bus hält genau dann, als ich bei der Haltestelle ankomme. Im klimatisierten Bus starre ich aus dem Fenster und das Gedankenkarussel, das mich seit Tagen begleitet, dreht sich: Komme ich rechtzeitig an? Was erwartet mich? Gleicht ein mennonitischer Gottesdienst einem evangelisch-reformierten? Fällt es auf, dass ich zum ersten Mal hier bin?
Drei Männer und ein blaues Buch

Abbildung 1: Träffer von aussen (eigene Aufnahme)
Die Sonne strahlt und erwärmt meine Haut, als ich aus dem Bus steige. Das Chaos in meinem Kopf beruhigt sich erst, als ich wenige Meter vor dem «Träffer» eine Frau sehe. Sie trägt eine weisse Hose und eine hellblaue Bluse.
Ich gehe zu ihr und frage, wo der mennonitische Gottesdienst stattfindet. Sie lächelt, schüttelt meine Hand, stellt sich vor. Dann zeigt sie auf die erste Tür im «Träffer». Kurz bin ich erleichtert, bevor sich wieder alles in mir anspannt. An der Tür stehen drei Männer, zwei jüngere in meinem Alter und ein Älterer. Alle schütteln mir lächelnd die Hand, stellen sich vor und fragen mich, woher ich komme. Der Älteste überreicht mit ein blaues Buch und zeigt auf die freien Stühle; ich dürfe mich setzen, wo ich möchte. Ich nehme das Buch dankend an.

Abbildung 2: Rednerpult (eigene Aufnahme)
Der Raum vor mir ist klein und erinnert mich an ein Klassenzimmer. In der Mitte stehen zwei Stuhlreihen: Ein grösserer Halbkreis aussen mit zwölf und ein innerer Kreis mit zehn Stühlen. Vier Stühle im inneren Kreis sind zum Publikum hin ausgerichtet. Noch sitzt niemand dort. Dahinter steht ein Tisch mit einem hölzernen Rednerpult und ein Blumenstrauss. Rechts vom Rednerpult steht ein schwarzer Flügel.
Ich setze mich in die hintere Reihe neben ein altes Ehepaar.
500 Jahre Verfolgung, 20 Jahre Versöhnung
Um zu verstehen, was ich hier erlebe, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit dieser Glaubensgemeinschaft.
Die Täufer:innen spalteten sich 1525 von der evangelisch-reformierten Kirche ab. Sie führten die erste Glaubenstaufe in Zürich durch und wendeten sich von Luther und Zwingli ab. Die Glaubenstaufe bedeutet: Eine erwachsene Person entscheidet sich freiwillig für den Glauben an Jesus Christus. Täufer:innen lehnen jegliche Form der Gewalt ab, auch die Wehrpflicht. Und sie gehen keinen Eid ein.
In der Schweiz liessen sich Täufer:innen vor allem in reformierten Kantonen nieder. Im 16. Jahrhundert fielen die Täufer:innen nicht nur durch ihre Besonderheiten auf. Sie verzichteten zudem auf den offiziellen Gottesdienst und kritisierten die aus ihrer Sicht zu innige Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Als Reaktion auf die empfundene Bedrohung ergriff die Obrigkeit harte Massnahmen, indem sie die Täufer:innen verfolgten und auch exekutierten. Als Folge davon flüchteten viele in den katholischen Jura oder ins Ausland. Als die Schweiz 1848 die Militärdienstpflicht einführte, verliessen weitere Mennoniten die Schweiz und den Jura.
2004 räumten die schweizerischen Landeskirchen die Schuld gegenüber den Täufer:innen ein. 2017 folgte die Entschuldigung des Kantons Bern. Diese Anerkennung führte zu «grosser Dankbarkeit», schreibt Jürg Bräker, Generalsekretär bei der Konferenz der Mennoniten der Schweiz, Theologe und Mitglied bei der Mennonitengemeinde Bern, in einer Stellungnahme.
Das Smartphone wird zur Kanzel
Um punkt 10 Uhr beginnt die Frau am Klavier zu spielen. Ein Detail fällt mir sofort auf: Die Laienpfarrerin legt ihr Smartphone aufs hölzerne Rednerpult. Moderne Technik trifft auf jahrhundertealte Tradition – genau das, was Jürg Bräker im vorangehenden Mail wohl mit dem «etwas anderen Gottesdienst» gemeint haben muss.
Das heutige Thema lautet: «Wo versteckt sich mein Glück?»
Die Antwort darauf soll im Fish-Bowl-Format diskutiert werden. Ich sitze im äusseren Kreis und beobachte die «Fische» im Innern. Wenn ich möchte, könnte ich jederzeit hineingehen und mitdiskutieren. Als Interreligiöse-Studentin fasziniert mich diese partizipative Herangehensweise. Hier wird Theologie nicht gepredigt, sondern gemeinsam erarbeitet.
Beim ersten Lied entspanne ich mich – endlich. Ich fühle mich unbeobachtet und singe mit. Diese Anonymität in der Gemeinschaft tut gut, obwohl wir nur etwa 20 Personen sind. Doch dann kommen die Geldbeutel an Stäben. Mein Puls steigt. Ich habe nur mein Smartphone dabei, kein Bargeld. Typisch Generation Digital! Der ältere Mann neben mir bemerkt meine Anspannung: «Jeder darf, keiner muss.» Diese vier Worte zeigen mir mehr über mennonitische Gastfreundschaft als jeder Theologiekurs.
Fish-Bowl, Poetry-Slam und Burn-Out-Beichte
Die Fish-Bowl-Diskussion beginnt. Zwei junge Männer – einer mit zitternden A4-Blättern, der andere mit seinem Smartphone – teilen ihre Glücksmomente. Poetry-Slam über Wandergefühle, Gedanken über Naturmomente und Wetter. Die Laienpastorin stellt die Frage, die mich als 24-jährige täglich umtreibt: «Können wir noch glücklich sein mit dem Kriegsgeschehen um uns?»
Ich höre zu, denke mit, aber schweige. Obwohl die Atmosphäre einladend ist, traue ich mich nicht, mich vor allen zu öffnen. Ich bin noch nicht bereit, meine eigenen Gedanken zum Glück zu hinterfragen. Als Studentin analysiere ich lieber, statt mich verletzlich zu zeigen.
Dann steht ein alter Mann auf. Ich sehe seinen langsamen Gang, sein schweres Atmen. Aber seine Stimme ist fest. Er erzählt von seinem Burnout, einem Retreat in Frankreich, dem Glück auf der Heimfahrt. Währendem er spricht, unterbricht ihn niemand, niemand schaut auf die Uhr. Zeit spielt keine Rolle, wenn jemand sein Herz öffnet.
Diese Szene berührt mich mehr als erwartet. Hier darf ein Mensch einfach sein, einfach erzählen, ohne Zeitlimite und Bewertung. Als junge Erwachsene, gewohnt an Effizienz und Tempo, erlebe ich hier eine andere Zeitqualität. Das Smartphone der Pastorin zeigt zwar die moderne Welt, aber der Raum strahlt eine Langsamkeit aus, die mich fasziniert. Am Ende räumen alle gemeinsam auf. Viele helfende Hände, ohne Aufforderung. Auch das ist bezeichnend für die Gemeinschaft: Verantwortung wird geteilt, nicht delegiert.
Gaza, Ukraine, Trump: Darf ich noch glücklich sein?
Der Konflikt in Gaza, die Trump-Regierung, der Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine und die anderen Kriege und Konflikte in der Welt stellen mein Glück in Frage. Darf ich als junge, weisse, heterosexuelle Frau glücklich sein? Im Wissen, dass andere Menschen leiden unter der Gewalt in der Welt? Muss ich nicht dafür kämpfen, dass die Welt für alle besser wird? Was kann ich bewirken? Wem kann ich helfen?
Mennoniten setzen sich gegen Gewalt ein und stehen für den Frieden. Sie können den Frieden nicht selbst schaffen, sondern glauben, wie Cèsar Carcía es sagt: «Wir können Gott erlauben, durch uns zu wirken und uns zu helfen, wie Jesus gewaltlos zu reagieren.» (Vgl. Rindlisbacher) Der gewaltlose Weg ist kreativ und schwieriger als der gewalttätige. Zudem geht es nicht nur darum für den Frieden einzustehen. Wir müssen auch mit den Opfern von Gewalttaten umgehen.
Wie die Mennoniten in Kolumbien kann ich im Kreis meiner Familie und Freunde für Gewaltlosigkeit stehen und sie vorleben.
Was bleibt? Erkenntnisse einer Aussenstehenden
Ich besuchte den Gottesdienst im Juni mit Vorurteilen. Negative Erfahrungen mit Freikirchen prägten meine Erwartungen. Ich stellte mir eine eigenbrötlerische, in sich gekehrte Freikirche vor, die psychologische Tricks anwendet, um beispielsweise Spenden während des Gottesdienstes zu sammeln. Diese Vorstellung verstärkte meine Nervosität vor dem Unbekannten.
Die Freundlichkeit, mit der man mich empfing, zerstörte meine negativen Gedanken. Einzig das Einsammeln der Geld-Beträge verunsicherte mich. Ich fühlte mich ausgestellt, als ich nichts beitragen konnte.
Die Stille zwischen den Liedern, Ansagen und auch bei der Fish-Bowl-Diskussion empfand ich nie als unangenehm.
Die Offenheit und Neugier der Gemeindemitglieder:innen am Menschen beeindruckten mich. Ich fühlte mich nicht bedrängt. Ich durfte unter den Mennoniten sein, wer ich bin. Sie schätzten mich als Mensch. Ich durfte sein, wer ich bin, ohne es zu müssen.
Und du?
Was denkst du über das Diskussionsformat der Mennoniten? Wo findest du dein Glück? Kommst du mit zu einem weiteren Themenanlass der Mennoniten in Bern?
Literatur zur Vertiefung
Quellen
Füglistaler, Jana: 2017. Das Geheimnis der Mennoniten. URL: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/spirituelle-wege-das-geheimnis-der-mennoniten(30.06.2025)
Jecker, Hanspeter: 2012. Täufer. Anabaptisten. URL: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011421/2012-08-14/ (30.06.2025)
Leuenberger, Susanne: 2017. Wo heute mein Büro ist, stellte man früher Täufer an den Pranger. URL: https://www.ref.ch/news/wo-heute-mein-buero-ist-stellte-man-frueher-taeufer-an-den-pranger/(30.06.2025).
Rindlisbacher, Simon: 2023. Pazifismus soll unser Lebensstil sein. Frieden & Gerechtigkeit, Gesellschaft & Politik. URL: https://www.menno.ch/de/pazifismus-soll-unser-lebensstil-sein/ (30.06.2025)
Schneider, Daniel: 2024. Die christlichen Freikirchen. URL: https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/das_christentum/christentum-freikirchen-100.html (30.06.2025)
Q&A-Mennoniten – Stellungnahme von Jürg Bräker (auf Anfrage verfügbar)